Das spirituelle Ego – Was das ist und wie du es erkennst

Kennst du sie auch, die spirituellen Egos? Menschen, die gerne von sich behaupten, sie seien sehr spirituell, ja, sogar erleuchtet (oder ganz nah dran), und genau das als Statussymbol vorzeigen? Verächtlich schütteln sie den Kopf über den Kerl, der seinen fetten Porsche zehn Runden um den Block fährt, um ja allen sein neues Glanzstück zu präsentieren. Mit solchen Angebereien haben sie nichts mehr am Hut! Nein, sie sind bescheiden und geläutert! Doch kann es sein, dass sie den Porsche einfach nur durch den Besuch vieler Workshops, ein Diplom im ekstatischen Tanzen oder Baumwoll-Seide-Haremshosen ersetzen? Zugegebenermaßen, jetzt habe ich mal wieder tief in die Klischee-Box gegriffen. Dabei muss ich dir und auch mir eingestehen: Auch ich habe ein Ego, das gerne mal spirituell ist (und genauso die Klischees bedient).

Meine Spiritualität und ich

Wenn du schon länger hier mitliest, wird dir klar sein, dass man mich unmöglich als sehr rationalen Menschen bezeichnen kann. Ich bin eindeutig spirituell und mache Dinge, die gemeinhin als spirituell bezeichnet werden. Ich liebe Kristalle und Vollmondbäder, räuchere handaufgezogenen Salbei, um negative Energien abzuwehren, mache fleißig Yoga und glaube daran, dass wir alle miteinander verbunden sind. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir aus einem ganz bestimmten Grund auf dieser Welt sind und dass das Göttliche durch uns spricht, wenn wir unseren Leidenschaften folgen. Also: erwischt. Ich bin spirituell. Nicht religiös, aber doch sehr eindeutig spirituell.

Als ich das letztens einer sehr netten Frau im Bekanntenkreis erzählt habe, hatte sie sichtlich Mühe damit, ihre Gesichtszüge nicht entgleiten zu lassen. „Das ist nichts für mich, damit hab ich nichts am Hut“, presste sie heraus und fügte noch schnell ein „Aber jedem das Seine“ hinzu. Ich war schon immer spirituell, habe an das große Ganze geglaubt und hatte meine eigenen Rituale, um mich damit zu verbinden. Selten nannte ich es „Gott“, aber jetzt verstehe ich, dass es ein- und dasselbe ist. Nicht alle Menschen haben einen Zugang dazu, vielen ist das ganz und gar nicht geheuer. Ich weiß jetzt auch warum: Ihnen sind einfach schon zu viele spirituellen Egos begegnet. Darauf haben sie (verständlicherweise) keine Lust mehr. Sobald ich der Frau ein wenig von meiner Praxis erzählte und warum ich sie ausführte, wurde ihr Blick sanfter und sie begann zu nicken. „Ach so“, sagte sie schließlich, „das klingt ja sogar sehr schön!“

Meine Spiritualität ist sehr intim und persönlich. Zwar erzähle ich gerne von meiner Praxis, aber die spezifischen Inhalte bleiben doch meist bei mir. Meist praktiziere ich für mich alleine zu Hause auf meiner Matte, in der Natur oder in meiner Badewanne. Nur selten mische ich mich unter „das spirituelle Volk“ oder kleide mich auf spezielle Weise, trage besonderen Schmuck. Inzwischen glaube ich, dass es eine sehr gute Idee war, mir meine Praxis alleine aufzubauen – so war sie geschützt vor anderen spirituellen Egos, nach denen es ganz eindeutig ein „Richtig“ und „Falsch“ gibt und allen voran ein „spiritueller als du“.

Eine kleine Geschichte vom spirituellen Ego

„Ich heiße Heike, aber mir ist es lieber, ihr würdet mich bei meinem spirituellen Namen Chandra Devi nennen.“ So begann vor Kurzem ein Treffen von doch recht spirituellen Menschen, dem ich beiwohnte. Ich will hier keinen falschen Eindruck erwecken, ich habe Wundervolles dort erlebt, wurde tief in meiner Seele berührt und habe mich selten so verbunden mit anderen gefühlt. Es war fantastisch. Nur Chandra-Devi-Heike ging mir gehörig auf den Zeiger. Selig lächelnd saß sie mit hoch erhobener Nase da, sprach von Licht und Liebe und davon, dass sie in letzter Zeit spirituell so sehr gewachsen sei, dass sie nun das letzte Mal zur Gruppe stieß, denn sie spürte hier eine „alte Energie“, der sie sich von nun aus nicht mehr aussetzen könnte.

Die anderen Teilnehmer sahen sie entgeistert an, aber anstatt sich ihren Blicken auszusetzen, schloss Chandra Devi wieder einmal ihre Augen und summte vor sich hin. Ich musste mich arg beherrschen, nicht laut loszulachen und war sehr froh, als sie am Ende aus dem Raum schwebte, um sich, wie sie sagte, „in höheren Sphären aufzuhalten“.

Sind wir auch ein bisschen Chandra Devi?

Chandra Devi ist ein sehr extremes Beispiel, das man fast nicht mehr ernst nehmen kann. Aber ich kenne Menschen, die „ein bisschen Chandra Devi“ sind, die sich dessen nicht bewusst sind, wenn sie auf andere Menschen herabschauen, weil sie nun „spirituell fortgeschrittener“ sind. Und sowohl die Chandra Devis als auch die spirituellen Egos, die hin und wieder mal durchkommen, sind schuld am schlechten Ruf der Spiritualität und daran, dass ich das Wort nur ungern oder mit umfangreichen Erklärungen in den Mund nehme. Übrigens gilt dasselbe für Veganer. Da draußen gibt es jede Menge „Ich-bin-so-viel-besser-und-weiter-als-du“-Veganer, dass ich manchmal gar keine Lust habe, mich selbst als Veganerin zu bezeichnen. Veganer haben allerdings meist nicht den Anspruch, „weit jenseits des Egos“ zu sein. Chandra Devi hingegen schon.

Und genau hierin liegt ja das Witzige an der Geschichte: Wir sind manchmal so bestrebt, vom Ego wegzukommen, dass genau dieses Streben uns in noch fiesere Ego-Fallen lockt, die wir dann sehr schlecht selbst bemerken. Anstatt eines Porsche hatte Chandra Devi ihr Bindi auf der Stirn und ihr seliges Lächeln, das sie mit erhobener Nase trug. „Ihr Ego ist jetzt spirituell geworden“, pflegte ein guter Freund von mir da stets zu sagen.

Ich denke und hoffe, dass meine kleine Chandra-Devi inzwischen besser geworden ist, aber – oje – als ich vor fünf Jahren mein Leben auf den Kopf stellte und mich mit Spiritualität zu befassen begann, hatte ich bestimmt auch ein stetes Lächeln auf den Lippen, das davon zeugte, dass ich mein Ego nun endlich hinter mir gelassen hatte. Zum Glück holten mich das Leben und die Menschen um mich herum immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und mir wurde schnell klar, dass ich noch unglaublich viel zu lernen hatte und dass wir uns doch alle auf der Reise befinden. Ich sah die vielen Egos, die sich online herumtrieben und mit erhobenem Zeigefinger Ratschläge erteilten und merkte: So will ich nicht sein. Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg und meiner ist nicht der einzig richtige. Als mir dieser Gedanke kam, fiel eine Last von meinen Schultern ab: Ich musste die Welt nicht mehr retten. Was für eine Erleichterung!

Wie erkenne ich mein spirituelles Ego?

Es ist alles andere als leicht, seine eigene Arroganz zu erkennen, zu sehen, dass man belehrt. Schließlich hat der Weg für einen ja funktioniert und war im Nachhinein betrachtet wahrscheinlich weniger beschwerlich als erwartet. Wäre es nicht einfach schön, wenn alle ihn gingen? Ein Wunsch, der vielleicht altruistisch motiviert ist, verwandelt sich jedoch schneller als gedacht in ein zwanghaftes Ziel, ein Streben nach mehr Bestätigung – und unterscheidet sich plötzlich überhaupt nicht mehr von dem alten Verhalten, von dem man eigentlich Abstand nehmen wollte. 

Es ist wichtig, seinen Weg und sich selbst immer wieder kritisch zu hinterfragen. Gerade wenn man enttäuscht ist, dass andere nicht mitziehen oder die Ratschläge nicht annehmen, lohnt es sich zu schauen, ob die Art und Weise, wie man etwas vermittelt, vielleicht viel weniger der Liebe entspringt, als man es ursprünglich wollte. Bei der Spiritualität geht es nämlich genau darum. Um die Frage: Wie kann ich meine Handlungen aus der Liebe heraus entspringen lassen? Und nicht darum, wie man am besten vor anderen dasteht. Erst dann handelt es sich um echte Spiritualität, um die Verbindung zu sich selbst und zum Universum/dem Göttlichen – das im Grunde ein- und dasselbe ist.

Sich selbst immer wieder zu fragen, wie viel Chandra-Devi in einem steckt, ist essentiell. Ich selbst habe mir die Frage gestellt, warum Chandra-Devi mich so auf die Palme gebracht hat. Und die Antwort war: weil auch in mir ein wenig von ihr steckt. Wie vermutlich in uns allen. Das ist auch gar nicht so schlimm, solange wir wachsam sind und diese Seite nicht überhand nehmen lassen. Und so lange wir uns immer und immer die Frage stellen, ob wir aus der Liebe heraus handeln.

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4 Kommentare

  1. Liebe Anna,

    „Das spirituelle Ego“ ist ein sehr wichtiger Beitrag, den du wieder einmal treffend und mit deiner wunderbar natürlichen Art und Weise darstellst!

    Eine Chandra-Devi ist mir persönlich noch nicht begegnet, aber wenn ich diese vielen selbsternannten spirituellen Lehrer sehe, die sich online präsentieren und ihre Dienst für ein „preiswertes Entgeld“ anbieten, weiß ich was du meinst.

    Das hast du sehr schön gesagt: . . . um die Verbindung zu sich selbst und zum Universum/dem Göttlichen – das im Grunde ein- und dasselbe ist.

    Und das ist die wesentlich Erkenntnis, die uns erst unser spirituelles Ego erkennen lässt. Meine Mitmenschen durch Belehrungen auf den Weg zu sich selbst zu führen habe ich schon vor vielen Jahren aufgegeben. Weil es auf diese Art nicht funktioniert. Ich gehe inzwischen so vor, dass ich immer mal wieder Andeutungen mache, um neugierig zu machen. Und wenn dann die Neugier geweckt worden ist, werden auch Fragen gestellt und dann beginnt der Prozess.

    Für deine offline Aktivitäten wünsche ich dir viel Erfolg. Leider wohne ich nicht in deiner Nähe, aber vielleicht begegnen wir uns doch noch einmal in diesem Leben 🙂

    Liebe Grüße
    Peter

    • Hallo lieber Peter!
      Vielen Dank dir für deinen Kommentar! Sehr treffend sagst du, das wir unser spirituelles Ego brauchen, um zu erkennen, dass wir mit Belehrungen nicht weiterkommen. Und vielleicht hat sich mein spirituelles Ego in dem Beitrag auch über das von Chandra Devi gestellt, in dem es sich ein wenig über sie lustig gemacht hat. Wie gesagt: Wir alle haben es, die einen mehr, die anderen weniger. Vielen Dank dir für die lieben Wünsche! Es wäre schön, sich mal zu begegnen!
      Ganz liebe Grüße
      Anna

  2. Hallo!
    Danke für deinen Blog.
    Ich lerne Deutsch als Fremdsprache und ich geniesse sehr deinen Beiträge zu lesen, weil sie mir viele Motivation gibt.
    Ich höre nach deine Podcasts auch.
    Grußen aus Mexiko.

    • Hallo lieber Alexis!
      Wie schön, dass du hier gelandet bist! Und wie schön, dass ich dir dabei helfen kann, Deutsch zu lernen!
      Hablo Español un poco y quería ir a Mexico un día! 🙂
      Viele liebe Grüße dir!
      Anna

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