Davon, wie das, was einen in die Knie zwang, zur größten Stärke werden kann

Ich hatte ganz bestimmte Vorstellungen von der Geburt meines Sohnes und von der unmittelbaren Zeit danach. Ich hatte mich sehr positiv auf die Kraft der Wehen eingestimmt und darauf, wie mich dieses Ereignis als Frau stärken würde. Ich dachte, ich sei offen für alles, aber dass ich das nicht war, weiß ich jetzt. Denn es lief alles völlig anders, als ich dachte – der Fall von der erträumten Hausgeburt bis zum Kaiserschnitt und Klinikaufenthalt meines Babys war tief und hinterließ nicht nur körperlich eine Wunde, die sich nicht so leicht heilen lässt. Das Vertrauen, das ich davor in das Leben hatte, war zerstört – und es wieder aufzubauen kostet Zeit, Geduld und viel Liebe. Heute öffne ich mich dir. Ich erzähle dir von der Geburt meines Sohnes, davon, wie es mir in den Wochen danach ging und von meinem stetigen, wenn auch steinigen Weg zurück ins Vertrauen, bis ich genau diese Geburt jetzt als meine größte Stärke sehen kann. Es ist eine lange Geschichte, aber ich denke, sie ist es wert, erzählt und gelesen zu werden.

Es fing doch alles so gut an…

Ich hatte wirklich eine Bilderbuchschwangerschaft. Natürlich gab es emotionale Konflikte zu bewältigen, vieles davon habe ich hier mit dir geteilt, aber das war nötig und gesund. Mir gelang es immer schneller, aus Tiefs herauszukommen und mich freudvoll auf das Leben in mir einzustimmen, die Liebe zu spüren und mich auf die Zeit zu freuen, wenn ich endlich mein Baby in den Armen halten kann. Vor allem gegen Ende der Schwangerschaft fühlte ich mich so selbstbewusst und stark wie niemals zuvor. Ich war in meinem Frausein angekommen, fühlte meine eigenen Rhythmen und die Rhythmen der Natur so deutlich wie noch niemals zuvor. Es ist wirklich interessant, wenn ich mir den letzten Beitrag ansehe, den ich kurz vor der Geburt meines Babys geschrieben hatte. Als wäre es eine Vorahnung gewesen. Ich wusste: Etwas in mir wird zerstört werden, damit etwas Neues entstehen kann. Dass es jedoch mein gesamtes Vertrauen in das Leben sein würde, das mit einem Schlag erlischt, hätte ich jedoch niemals vermutet.

Ich hatte es mir so schön vorgestellt: Eine Geburt in meiner eigenen Kraft, die Wehen im Kerzenschein veratmen, das Kind mithilfe meiner Hebamme und meines Freundes in den eigenen vier Wänden zur Welt bringen, Tränen in den Augen, wenn mein Blick zum ersten Mal auf das Neugeborene fiel, Umarmungen. Dann eine ruhige Zeit zu Hause. Im Bett, mit wenig Besuch. Viel Hilfe von meiner Mutter, ein ruhiges Kennenlernen, viel Zeit, viel Langsamkeit. Ich hatte keine Angst vor der Geburt, ich freute mich auf sie. Als die Wehen um halb drei in der Nacht des 6. Oktobers begannen, lief noch alles genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Es geht los…

Vincent, so heißt mein Sohn, kündigte sich drei Tage nach dem errechneten Entbindungstermin an – in einer Vollmondnacht und ganz genau richtig, dachte ich. Einige Tage vor meinem eigenen Geburtstag, nicht zu eng zusammen. Perfekt. Ich ging ins Wohnzimmer, wollte meinen Freund noch nicht wecken, und zündete meine Geburtskerze an, die ich in einem Ritual mit meinen Freundinnen mit bunten Bändern geschmückt hatte. Dann las ich die wunderschönen Karten, die sie mir für genau diesen Augenblick geschrieben hatten. Ich fühlte die Kraft in mir, ich freute mich auf mein Kind. „Du wirst dein Baby noch heute in den Armen halten“, sagte mir meine Hebamme etwas später, als ich sie anrief. Und tatsächlich, es war noch der 6. Oktober, an dem Vincent geboren wurde. Jedoch sehr viel knapper, als ich es mir vorgestellt hatte.

Die Wehen waren wirklich gut erträglich, in den Morgenstunden konnte ich sogar noch zwei Stündchen schlafen, bevor die Schmerzen heftiger wurden. Alles lief nach Plan, mein Muttermund öffnete sich so, wie er sollte und ich war voller Freude. Gegen Mittag wollte ich ein wenig spazieren gehen und im Laden nebenan einen Blumenstrauß kaufen. Währenddessen wurde es beständig schmerzhafter und die Wehen lagen nun viel näher beieinander. Als wir nach Hause kamen, riefen wir die Hebamme an, die auch kurze Zeit später eintraf und nochmals bestätigte, dass alles sehr gut aussieht.

Doch dann begann es…

Zu den periodenartigen, wenn inzwischen auch ziemlich stark gewordenen Schmerzen, kam plötzlich ein brennender Schmerz in meiner Hüfte und an beiden Flanken hinzu. Er wurde sehr schnell beinahe unerträglich, wenn mein Freund mich nicht massierte. Irgendetwas in mir war alarmiert. Lief etwas falsch? Atmete ich nicht richtig? Was war das? In der Badewanne wurden die Wehen etwas erträglicher, aber die Sorge blieb. Ich hatte auf einmal das Gefühl, etwas nicht richtig zu machen, zu versagen. Ja, mein uraltes Muster, das immer und immer wiederkommt. Und nun war es da – genau dann, wenn ich es am wenigsten brauchen konnte. „Du bist zu sehr im Kopf, Anna“, sagte meine Hebamme. Sie wollte mich darauf aufmerksam machen, aber da war ich schon so verunsichert, dass ich es als Kritik empfand. Als Bestätigung dafür, dass ich das mit dem Gebären eben nicht konnte. Ich versuchte mich zu konzentrieren, zu atmen, aber ich spürte, wie ich an der Hüfte inzwischen so sehr verkrampfte, dass ich selbst in den Wehenpausen sehr starke Schmerzen hatte.

Es muss gegen Nachmittag gewesen sein, als ich langsam einen Pressdrang verspürte. Plötzlich hob sich meine Stimmung schlagartig. Es gab ja Frauen, die nur einige Male pressen mussten, um ihr Baby zur Welt zu bringen. Ich war total motiviert und meine Hebamme spornte mich an. Ja, die Schmerzen waren stärker als alles, was ich jemals erlebt hatte, aber ich hatte das Gefühl: Es geht voran. Und: Ich schaffe das! Aber es verging immer mehr Zeit, und obwohl die Hebamme bei mir war und mich anfeuerte, schien Vincent es nicht eilig zu haben. Seine Herztöne waren gut und ich war mir selbst nach Stunden des Pressens und der völligen Verausgabung sicher, dass jederzeit sein Köpfchen kommen würde, dass ich gleich mein Baby in den Händen halten würde. Das war die Kraft, die ich erwartet hatte, von der Mütter nach einer natürlichen Entbindung sprachen. Ich weiß nicht, woher ich sie nahm, ehrlich nicht. Aber sie war da. In mir.

Bis alles von einem Augenblick auf den nächsten völlig einbrach.

Bis ich die Worte meiner Hebamme hörte, war ich mir noch sicher, dass Vincent jederzeit kommen würde. Dass es nur dieser Gedanke war, der mir die Kraft verliehen hatte, weiterzumachen wurde mir sofort klar. „Ich denke, es wäre besser, wenn wir ins Krankenhaus fahren“, sagte die Hebamme. „Vincent geht es gut, aber ich bin mir nicht sicher, wie lange du noch die Kraft hast, so weiterzumachen.“ Ich brach augenblicklich in Tränen aus. Plötzlich erschien es mir, als könnte ich keine weitere Wehe mehr überstehen. Mir wurde klar, dass etwas nicht stimmte, dass ich es alleine nicht schaffen würde. Die Schmerzen und fürchterlichen Krämpfe in der Hüfte waren nun, da sie ihre Funktion verloren hatten, höllisch. Ich finde nicht einmal Worte, um sie zu beschreiben. Ich weiß nicht, wie ich es die Treppe zum Auto hinunter schaffte, in die Notaufnahme, in den Kreißsaal. Ich brüllte die ganze Zeit wie am Spieß, mir war jetzt alles egal, ich wollte nur noch, dass diese Schmerzen aufhörten.

Die Hebammen im Krankenhaus waren sehr einfühlsam. Sie machten eine Ultraschalluntersuchung und stellten fest, dass Vincent sich noch nicht komplett in Geburtsposition gedreht hatte und auch noch nicht tief genug lag. Mich überkam eine Welle der Panik nach der nächsten. Ich schrie nach Schmerzmitteln, aber es ging alles viel zu langsam. Ich weinte, meine Hüfte brachte mich völlig um den Verstand. Irgendwann waren mein Freund und ich alleine im Kreißsaal. Ich hatte mich noch niemals in meinem Leben so hilflos gefühlt. Der Pressdrang war unbeschreiblich, ich konnte nicht anders, aber nichts ging voran. All meine Arbeit, die ich bisher geleistet hatte, fühlte sich vergeblich an. Ich bemerkte irgendwann, dass mein ganzer Körper bebte, später las ich, dass das ein eindeutiges Zeichen für Schock und Trauma ist. Der Körper ist voller Adrenalin, kann aber weder fliehen noch kämpfen, und muss deswegen die Energie durch Zittern abbauen.

Ich wollte einfach nur, dass es vorbei war. „JA!“, schrie ich die Hebammen an, als sie mir eine PDA (Periduralanästhesie, Rückenmarkspritze, nicht ganz ungefährlich) vorschlugen,“SOFORT!“ Dabei war ich mir zuvor sicher gewesen, nieeeemals mit PDA gebären zu wollen. All diese Vorsätze waren mir nun sowas von egal. Ich konnte nicht mehr und mir war jedes Mittel recht. Ich hatte das Gefühl, dass Stunden vergingen, als die Anästhesistin endlich kam und weitere Stunden, bis ich die Spritze bekam. Das Schmerzmittel nahm mir den Pressdrang, die Hüfte jedoch brannte weiterhin wie Feuer. Wir alle hatten es schon viel früher gewusst, aber erst nach einer Ewigkeit sagte die Ärztin: „Frau Böhm, wir haben jetzt mit einem anderen Arzt telefoniert und es sieht so aus, als würde kein Weg an einem Kaiserschnitt vorbeiführen.“ Wie bei der PDA war ich sofort einverstanden, obwohl ich mir die Geburt völlig anders vorgestellt hatte. Ich konnte es nicht erwarten, unter Narkose gesetzt zu werden – Hauptsache, jemand befreite mich endlich von diesen höllischen Schmerzen!

Mir wurde gesagt, dass nur die untere Hälfte meines Körpers betäubt werden würde. Ich würde ein Ziehen und Drücken spüren, jedoch keine Schmerzen. Ich bebte immer noch wie verrückt und als ich tatsächlich im OP war, flutete mich eine erneute Welle der Panik. Ich hatte das verrückte Gefühl, dass die Anästhesie nicht wirken würde und sie mich bei lebendigem Leibe aufschneiden würden. Die Anästhesistin war ein Goldstück, ich glaube, ich habe ihr jeden einzelnen Finger ihrer Hand gebrochen, als ich mich an sie klammerte. Obwohl mir die Ärzte versicherten, dass die Narkose jetzt stark genug sei, war ich mir sicher, Schmerzen zu spüren, als sie einen Test machten. Ich steigerte mich völlig rein, zitterte, weinte. „Spüren Sie das?“, fragte die Anästhesistin nach einer gefühlten Ewigkeit. „Ja“, sagte ich unsicher. „Spüren Sie Schmerzen?“ „Nein.“ „Der Schnitt wurde schon gemacht. Gleich ist ihr Baby da.“

Das Delirium danach

Von hier an wird meine Erinnerung sehr schwammig. Ich hörte ein Schreien, dann zeigte mein Freund mir unseren Sohn. Es war 23.27 Uhr. Anstatt der erwarteten Tränen vor Rührung war da einfach nur Erleichterung, Verwirrung, Müdigkeit – und Hunger. Nur wenig später wurden wir in einen anderen Raum gebracht, Vincent lag in Handtücher bedeckt auf meinem Bauch. Ich kann mich nicht erinnern, was ich gefühlt habe. Ich glaube, ich war einfach nur völlig durcheinander. Ich habe alles auf einmal und irgendwie auch gar nichts wahrgenommen. Auch an die Nacht habe ich kaum eine Erinnerung, nur, dass ich nicht schlafen konnte, weil ich so starke Schmerzen hatte, nachdem die Narkose nachgelassen hatte, und natürlich auch, weil ich nicht glauben konnte, dass mein Sohn wirklich auf der Welt war.

Auch die nächsten vier Tage im Krankenhaus kann ich nicht mehr wirklich wiedergeben. Ich schlief kaum, hatte Schmerzen, fühlte mich hilflos, weil ich nicht in der Lage war, meinen Sohn selbst auf den Arm zu nehmen, quälte mich durch die Nachwehen, hatte ständig Besuch, weil ich Panik vor dem Alleinsein hatte. Gleichzeitig überrollten mich auch Wellen von Glück darüber, dass letztendlich doch alles gut gelaufen war, dass mein Freund mich so unterstützte, dass Vincent gesund war, dass sich so viele liebe Menschen um mich sorgten. Da ich zuvor noch niemals im Krankenhaus war und solche Schmerzen überhaupt nicht kannte, war der Alltag dort für mich wie eine merkwürdige Zwischenwelt. Ich weinte ständig und lachte im nächsten Moment und wollte einfach nur nach Hause.

Doch dann stiegen Vincent’s Werte für Neugeborenengelbsucht. An dem Tag, an dem ich endlich entlassen wurde, sollten wir abends in die Kinderklinik kommen, um sie checken zu lassen. Dass er sehr gelb war, sahen wir selbst, aber wir hofften noch, dass der Wert fallen würde. Das tat er leider nicht, und so musste er in der Klinik bleiben und 36 Stunden Phototherapie bekommen. Das bedeutete: 36 Stunden alleine unter blauem Licht, die Augen abgedeckt. Als wir ihn abgaben, brach mein Herz in Stücke. Ich weiß nicht mehr, wie ich den kurzen Weg ins Parkhaus schaffte, ich wurde von Weinkrämpfen geschüttelt, mein Körper bestand nur noch aus Schmerz. Gerade erst die schwere Geburt überstanden, musste ich mich von diesem Wesen, das mich doch so dringend brauchte, trennen. Ich weinte die ganze Nacht und am nächsten Morgen fuhren wir sofort in die Klinik zum Stillen. Ich weinte wieder, als ich ihn in den Armen halten durfte. An diesem Tag fuhren wir noch zweimal hin (es war mein Geburtstag. Super, nicht wahr?) und ich konnte es kaum erwarten, ihn am nächsten Tag mittags endlich mit nach Hause zu nehmen.

Doch am Abend sagten uns die Ärzte, dass er nach der Therapie noch weitere acht Stunden in der Klinik bleiben musste, weil anschließend ein weiterer Test durchgeführt wurde, ob er die Werte selbstständig halten konnte. Er musste nicht mehr unter dem Licht liegen, durfte den Raum jedoch nicht verlassen. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, nach Hause zu fahren und ihn noch länger alleine zu lassen. Ich blieb also, selbst völlig entkräftet, bei ihm, hielt ihn im Arm – unter den Argusaugen des Klinikpersonals, das genau überwachte, ob er auch exakt 90 ml Milch getrunken hatte und in welchem Abstand ich stillte. Ich bin so dankbar für meinen Freund, der mich immer wieder positiv stimmte, in dem er mir beispielsweise sagte, dass wir Glück haben, dass Vincent nichts Schlimmes hat und nur so kurze Zeit in der Klinik bleiben musste – ganz im Gegensatz zu den vielen kleinen Frühchen dort. Was ihre Eltern wohl durchmachten… Meine Güte, ich kann es mir kaum vorstellen und meine Gedanken gehen zu all jenen Eltern, die das erleben mussten oder gerade erleben.

Der Arzt brauchte am Abend eine gefühlte Ewigkeit, bis er Vincent untersucht hatte, aber letztendlich war alles in Ordnung und die Werte ordentlich gefallen. In zwei Tagen mussten wir erneut zur Kontrolle und in zwei weiteren Tagen noch einmal… Ich kann dir sagen: Ich habe so die Schnauze voll von Krankenhäusern! In dieser ersten Lebenswoche unseres Sohnes war ich so viel dort wie in meinem gesamten Leben davor noch nie.

Und dann… kamen wir endlich zu Hause an. Ich konnte mein Glück kaum fassen! Doch die Angst wurde ich nicht los. Die Angst davor, mit Vincent alleine zu bleiben und etwas falsch zu machen, die Angst davor, ihn nicht richtig anzufassen, nicht genug Milch zu haben, ihn nicht genug zu lieben. Vor allem hatte ich aber Angst vor dem Stillstand. Ich fühlte mich völlig neben mir, als sei ich gar nicht ich selbst. Zum Glück erkannte ich ziemlich schnell, wieso: Ich hatte in der Klinik mein komplettes Vertrauen in das Leben verloren.

Meine Vertrauens-Seifenblase

Seit ich mich mit Spiritualität befasse, ist mir nichts Schlimmes passiert. Wirklich nicht. Ich war in einer Seifenblase, in der alles immer gut gegangen war und nur ab und an mal etwas Unangenehmes geschehen war, das ich aber meist sehr schnell als wertvolle Lektion verwerten konnte. Im Endeffekt war es meist so, dass das Ereignis doch zu meinem Besten war. Ich war so verwöhnt vom Leben, voller Vertrauen. Ich fühlte mich vor allem gegen Ende der Schwangerschaft unbesiegbar. Doch das war ich nicht. Manchmal kann man sich noch so gut vorbereiten, es kann trotzdem alles völlig schiefgehen. Wir haben das Leben nicht unter Kontrolle. Und das hat mich wirklich traumarisiert. Ich dachte wohl: Wenn ich positive Schwingungen aussende, wird nur Positives in mein Leben eintreten. Tja, ich hatte wohl nicht mit der Kraft meines alten Musters gerechnet, das in einem sensiblen Augenblick alles so sehr verschoben hatte, dass eine blöde Überraschung nach der nächsten folgte.

Jetzt, über einen Monat später, kann ich den Sinn hinter dem Ganzen langsam erkennen – und die Lektionen. Ich sehe, dass ich die Kraft meines „Ich mache doch eh alles falsch“-Musters nicht unterschätzen darf, dass ich noch intensiver daran arbeiten muss, um es loszuwerden. Vielleicht werde ich es niemals gänzlich los, aber ich will lernen, besser damit leben zu können. Vielleicht werde ich es niemals unter Kontrolle bekommen, so wie man das Leben letztendlich nicht kontrollieren kann. Aber wie heißt es so schön? Man kann die Wellen nicht aufhalten, aber man kann lernen, sie zu reiten. Und letztendlich gehören auch solche Dinge zu einem Leben im Flow. Wir müssen sie annehmen und akzeptieren und aus ihnen lernen. Diese Erfahrungen geschehen nicht ohne Grund, auch wenn es in dem Moment unfassbar schmerzhaft ist, das zu akzeptieren.

Und letztendlich macht es mich stärker

Ich habe aber schon in derselben Nacht, als Vincent geboren wurde, gespürt, dass uns das Ganze als Familie zusammenschweißen wird. Dass es mich letztendlich bestärken wird. Ich habe in der ersten Lebenswoche meines Sohnes nur funktioniert, aber danach bin ich sofort an das Aufarbeiten der Wunde gegangen. Ich habe den Finger direkt hineingelegt, habe das Ereignis mehrmals Revue passieren lassen, habe viel darüber gesprochen – auch mit meiner Hebamme -, und nun schreibe ich darüber. Jedes Mal erscheint es mir weniger schlimm. Mit jedem Mal sehe ich die Lektionen darin und der Schmerz verblasst. Mit jedem Mal finde ich in mir eine ungeahnte Stärke. Dass ich die Welle reiten konnte, anstatt unterzugehen. Das zeugt von Stärke, von der ich vorher nicht wusste, dass ich sie hatte.

Dass es mir jetzt so gut geht, dass ich das alles so schnell aufgearbeitet habe (obwohl ich mir sicher bin, dass das noch nicht alles war), darauf bin ich unglaublich stolz. Dass ich nicht dauerhaft wie ein Häufchen Elend in der Ecke sitze und heule, obwohl ich das vor einigen Jahren sicher getan hätte, das zeugt davon, dass sich meine tägliche spirituelle Praxis lohnt. Dass ich in der Lage bin, mich meinem Schmerz zu stellen, anstatt ihn zu verdrängen – das lässt mich wissen, dass ich auch andere Hürden im Leben meistern kann. Und das wird sicher nicht die letzte gewesen sein.

Natürlich habe ich auch jetzt noch meine Zweifel, ob ich als Mutter alles richtig mache, vor allem wenn Vincent weint, fühle ich mich manchmal richtig hilflos und kann meine eigenen Tränen nicht zurückhalten. Aber das alles ist normal und mir ist bisher noch keine andere Mutter begegnet, die bei ihrem ersten Kind nicht an sich selbst gezweifelt hat. Mir zeigt das, dass ich ein riesiges Stück Heilung hinter mir habe, weil ich mich jetzt doch sehr stabil und „normal“ fühle. Gleichzeitig hat mir aber auch die Geburt gezeigt, dass ich da noch einiges vor mir habe, was angeschaut werden darf.

Willkommen, lieber Alltag!

Inzwischen sind wir im Alltag angekommen, ich werde mir immer sicherer und immer selbstbewusster in meiner neuen Rolle, merke aber, dass ich das nur leisten kann, wenn ich mir meinen Freiraum nehme und immer noch Anna und nicht nur Mama bleibe. Ich bin so glücklich, dass mein Freund es verstehen kann, dass ich meine Stunde Yoga für mich brauche. Früher hatte ich die morgens, jetzt nimmt er mir Vincent abends ab, sodass ich auf meine Matte kann, um vom Tag abzuschalten. Das ist so fantastisch und ich freue mich, dass ich mein Vorhaben nach wie vor so strikt einhalte. Wobei das mit Disziplin nichts zu tun hat – ich brauche diese Zeit, um bei Verstand zu bleiben, um mich selbst zu spüren und im Gleichgewicht zu sein. Um bewusste Entscheidungen zu treffen und wieder im Vertrauen anzukommen, anstatt nur noch wie ein Roboter zu funktionieren. Ich habe das jetzt nach langer Zeit wieder erfahren und es ist eine Erfahrung, die ich nicht nochmal machen möchte. Was für andere Alltag ist – sich selbst nicht richtig zu spüren -, ist für mich ein alarmierender Ausnahmezustand.

Heute fühle ich zum ersten Mal seit der Geburt eine überfließende, überwältigende Liebe, die alles und jeden umfassen will. Diese Art von Liebe spüre ich nur, wenn ich mich selbst völlig annehme und liebe. Erst dann kann ich geben. Wenn das volle Glas überquillt. In den letzten Tagen hatte ich manchmal Angst davor, dass Vincent aufwachte und dann vielleicht weinte und ich hilflos war. Jetzt nicht mehr, ich freue mich auf ihn, auch wenn er weint. Er und ich – wir kommen jeden Tag mehr und mehr beieinander an, vertrauen uns immer mehr, sind eins und doch verschieden. Ich liebe ihn, aber hierher war es eine Reise, die Liebe musste erst wachsen. Mir steigen Tränen in die Augen, während ich das hier schreibe. Wow, hier bin ich. Da, wo ich mich neun Monate lang hingewünscht habe. Einen ganzen Monat lang war ich besorgt darum, ob ich hier wirklich ankommen könnte, aber ich habe es geschafft. Die erste große Lektion ist gelernt, mir fällt eine Last von den Schultern, während ich mit jedem Ausatmen meine Ängste loslasse und immer mehr im Vertrauen ankomme.

Ich bin gespannt, wohin diese Reise mich noch führen wird. Es ist das Ende und gleichzeitig der Anfang von etwas Neuem und Unglaublichem. Und sei dir sicher, dass ich diese Reise weiterhin mit dir teilen werde, den sie hält an jeder Ecke, jeden einzelnen Tag, neue Lektionen für mich bereit. Lektionen, denen ich freudvoll entgegenblicken kann.

 

 

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27 Kommentare

  1. LIEBE ANNA

    WAS FÜR EIN SÜSSER WONNEPROPPEN DEIN VINCENT.
    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ZUR GEBURT DEINES SOHNEN VINCENT
    ALLES LIEBE FÜR DICH UND DEINE KLEINE FAMILIE.
    LIEBE GRÜSSE ANNE.

  2. Hallo Anna,
    ganz herzlichen Glückwunsch zu Deinem süßen Sohn. Schon heftig was eine Geburt so auslösen kann. Gut dass Du Dir die Zeit genommen hast das alles in Ruhe zu verarbeiten. Du solltest nicht so streng zu Dir sein. Planen, Visualisieren, all die Vorbereitung ist gut und hat deinen Vincent bestimmt gut auf die Geburt vorbereitet. Aber wir sind nicht Gott und haben es nicht in der Hand wie das Leben läuft. Ich bin froh dass alles gut gegangen ist und wünsche Dir, dass Du so ein erschütterndes Ereignis nie wieder erleben mußt. Alles Gute für Dich und Deine kleine Familie und Danke schön, dass Du dieses Ereignis mit teilen magst.

    • Hallo Bobby,
      nein, wir haben es nicht in der Hand, da hast du recht. Das Planen und Visualisieren war nichts, wo ich streng zu mir war, so habe ich das nicht empfunden. Es war einfach eine Wunschvorstellung, die sich so gut angefühlt hat, dass ich mir sicher war, sie würde wahr werden. Aber manchmal ist das, was wir uns wünschen eben nicht das, was wir brauchen. 🙂 Vielen Dank dir für deine lieben Worte!
      Anna

  3. Liebe Anna,

    es sind nicht nur meine eigenen Schwangerschaftshormone, die mir bei deiner Geschichte Tränen in die Augen getrieben haben. Du bist mit eurer G eburt auf Wellen getrieben, wurdest von EINIGEN untergetunkt und ich freue mich dass du dein Gleichgewichtauf dem neuen Brett langsam gefunden hast.

    Vielleicht schaffen wir es nächstes Jahr ja Mal auf ein Picknick im Bauernhofmuseumbei euch 🙂

    Zum Schreien von Vincent noch ein Tipp – es gibt Babylaute die auf den Reflexen basieren. Verlinke ich dir 😉 …der kleine Wonneproppenhat es auf jeden Fallgut bei dir.

    • Liebe Tabea,
      das mit den Wellen hast du sehr passend gesagt, denn ich hatte auch mal ein schlimmes Erlebnis in meiner Jugend mit einer Welle, die mich so weit unter Wasser gezogen hatte, dass ich mir sicher war, ich würde sterben. Die nächste Welle hat mich aber wieder an die Oberfläche gebracht – die beiden Ereignisse haben erstaunliche Parallelen!
      Sag auf alle Fälle Bescheid, wenn ihr einen Ausflug ins Freilandmuseum plant, das ist ja wirklich hier um die Ecke. 🙂
      Babylaute, die auf Reflexe basieren? Noch nie gehört, bin gespannt! 🙂
      Ganz liebe Grüße dir!
      Anna

  4. Hallo Anna,
    erst einmal ein herzliches Willkommen in diesem wundervollen Sein – an Dich als Mutter und an Deinen kleinen Sohn als Wesen. 🙂
    Du bist in einen völlig neuen Lebensabschnitt getreten, zu dem Dir niemand Ratschläge geben kann. Denn Du, ihr beide, seid Individuen und die Herausforderung ist, euren ganz eigenen Weg und Umgang zu entdecken.
    Das kann das (kontrollieren wollende) Gehirn schon ganz schön in Panik versetzen.
    Doch mit Achtsamkeit und viel Intuition/ bei Dir sein wird das.
    Mich erinnert Deine Beschreibung grundsätzlich an jede gravierende Lebensveränderung, davon ist so vieles übertragbar.
    Ich wünsche Euch unglaublich viel gemeinsame Freude, Leichtigkeit, aneinander lernen und eine Menge magischer Momente!
    Herzliche Grüße

    • Liebe Sabine,
      danke dir von Herzen für die lieben und bestärkenden Worte! Die tun gut! 🙂
      Ganz liebe Grüße
      Anna

  5. Hallo Anna,

    herzlichen Glückwunsch zur Geburt Deines Sohnes Vincent und
    weiterhin alles Gute für Dich und Deiner Familie.

    Liebe Grüße aus dem Taubertal

  6. Liebe Anna,
    herzlichen Glückwunsch zu Eurem Sohn und danke für s Teilen Deiner sehr persönlichen Erlebnisse.
    Was mir beim Lesen des Textest auffällt ist die „Bewertung“ des Ablaufs der Geburt.
    Denn, NEIN, Du hast nicht alles falsch gemacht. Du hast alles richtig gemacht !!!
    Es ist anders abgelaufen, als Du geplant hast, aber es war nichts falsch daran !!!
    Auch nicht bei Dir.

    Und willkommen im Club: wir Mütter fragen uns gelegentlich, ob wir richtig handeln und die richtigen Entscheidungen treffen. Lifelong-Asking ;-).

    Die Schmerzen bei einer Geburt und wie egal es einem in dem Moment ist, wenn man nur mehr brüllt, kenne ich auch. Doch ist es ja auch ein Zeichen, wie unfassbar stark wir Frauen sein können. Für die LIEBE.

    Ganz viel Liebe für Dich als Mami und Euren Buben,
    Renate

    • Liebe Renate,
      ja, das mit dem Falschmachen ist bei mir so ein hartnäckiges Ding. Danke, dass du mich darauf aufmerksam machst. 🙂 Wo wir Frauen da für die LIEBE durch müssen, wie du es so schön sagst, ist wirklich erstaunlich und macht mich selbst auch ganz ehrfürchtig. Diese Stärke ist wahre Stärke!
      Ganz liebe Grüße dir!
      Anna

  7. Liebe Anna!!! Alles Liebe zu eurem süßen Sprössling Vincent und Danke fürs Teilen deiner ganz persönlichen Geburt!
    Viel Kraft und Alles Gute!
    LG Sara

  8. Ich finde deinen Bericht wirklich großartig, welche Frau wäre nicht von solchen Ereignissen überrumpelt gewesen. Du bist wirklich stark und daß du diese traumatische Geburt so reflektiert hast finde ich absolut bewundernswert.
    Alles Gute für euch, tu dir immer wieder Gutes und sei stolz darauf, wie du dieses Trauma bewältigt hast.

    Liebe Grüße Katrin

  9. Liebe Anna,

    herzlichen Glückwunsch zur Geburt deines Sohnes.
    Deine Worte haben mich zu Tränen gerüht. Danke fürs Teilen. Nach der turbulenten Anfangszeit wünsche ich dir nun eine ruhige und glückliche Weihnachtszeit mit deiner kleinen Familie.

    Liebe Grüße,
    Katharina

    • Hallo liebe Katharina,
      danke dir vielmals! Wir freuen uns schon sehr auf unser erstes Heiligabend zu dritt! 🙂
      Ganz liebe Grüße dir!
      Anna

  10. Liebe Anna,

    ich wünsche Dir und Deinem Freund alles Gute und viel Freude mit dem kleinen Vincent. Mach dir nicht zu viele Gedanken und geniesse die Zeit mit dem neuen Erdenbürger!

    Fühl dich umarmt!

    Lieben Gruss
    Alexandra

  11. Mein Gott liebe Anna, was hast Du durchgemacht. Ich habe geweint, als ich Deine Geschichte las.

    Ich bin sehr stolz auf Dich, wie Du Dich wieder aufgerichtet hast.

    Und jetzt erst mal herzlichen Glückwunsch! Ja, Dein Vincent hat die großartigste Mutter, die sich ein Kind nur wünschen kann.

    Und ein ganz großes Dankeschön, dass Du diese Mut machende Geschichte mit uns teilst.

    Ich wünsch Dir, und Deiner Familie alles erdenklich gute. Gott beschütze Euch!

    Alles Liebe,

    Martin

  12. Hallo Anna,

    danke für deine öffentliche Geschichte! Ich war beim Lesen sehr gerührt. Ich wünsche euch allen 3en alles Gute!
    Zweifle nicht an dir selbst, folge deiner Intuition und gebe dein Bestes und bleibe lernbereit. Ich zweifle nicht an deinen Fähigkeiten. 🙂

    Liebe Grüße
    Simon

    • Hallo lieber Simon!
      Ja, der Intuition folgen – es ist manchmal herausfordernd, aber auch eine tolle Gelegenheit, es immer wieder zu üben! 🙂
      Ganz liebe Grüße dir!
      Anna

  13. Liebe Anna,

    zuerst herzlichen Glückwunsch zur Geburt eures Sohnes Vincent. Der Kleine ist ja wirklich allerliebst.

    Ja liebe Anna, dann gratuliere ich dir noch einmal. Und zwar dazu, dass du dieses für dich dramatische Ereignis so ausführlich und selbstkritisch mit uns teilst und sehr wertvolle Erkenntnisse daraus gewonnen hast.

    Du solltest dieses Ereignis als wertvolle Lektion erkennen und annehmen, was du auch tust. Dein Schicksal hat dir jetzt sehr eindeutig vor Augen geführt, dass du dich so akzeptieren und lieben sollst wie du bist und nicht immer an dir zweifeln sollst. Und denke immer daran, dass wir mit unseren Gedanken unsere Realität erschaffen. Lass einfach alle Ängste und Zweifel beiseite und vertraue auf deine göttliche Führung und Inspiration.

    Und über diese Erkenntnis freue ich mich besonders mir dir:

    „Heute fühle ich zum ersten Mal seit der Geburt eine überfließende, überwältigende Liebe, die alles und jeden umfassen will. Diese Art von Liebe spüre ich nur, wenn ich mich selbst völlig annehme und liebe. Erst dann kann ich geben.“

    Alles Liebe für dich und deine kleine Familie.
    Peter

    • Danke dir für die Glückwünsche, lieber Peter!
      Ja, auf die Führung vertrauen, das lerne ich gerade wieder und es ist wunderschön. Das Leben und mein Sohn halten jeden Tag neue Lektionen für mich bereit. 🙂
      Ganz liebe Grüße
      Anna

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