Gastbeitrag: (K)ein Weg zurück? – Vom Versuch, verlorene Leidenschaften wiederzuerwecken

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Heute möchte ich meine liebe Freundin Becky zu Wort
kommen lassen. Sie geht den Weg der Leidenschaftsfindung gemeinsam mit mir, hat jedoch eine andere Ausgangslage. Auch in Zukunft wird sie ab und zu auf meinem Blog über ihren Weg berichten; heute lässt sie dich an ihrer ganz persönlichen Geschichte teilhaben:

Ich bin 27 Jahre alt, verheiratet, habe Romanistik und Kunstgeschichte studiert und arbeite im Moment Teilzeit an einer Freibadkasse. Meine beste Freundin Anna hat ja schon einiges über ihr Leben und ihre Leidenschaften erzählt, und bat mich, einen Artikel zu diesem Thema zu schreiben, da es mir mit Leidenschaften ganz anders erging als ihr. Anna hatte das Glück, sich ihre Leidenschaften ihr ganzes Leben lang bewahren zu können, und ich bewundere sie unwahrscheinlich dafür, wie viel Begeisterung sie Tag für Tag für so viele Dinge in ihrem Leben entwickeln kann.

Kurz gesagt, ich habe es nicht geschafft, mir meine Leidenschaften zu erhalten, sie gingen mir irgendwann auf meinem Weg zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft verloren. Wie, wann und warum, möchte ich im Folgenden kurz beschreiben.
Vielleicht findest Du Dich ja selbst in meiner Geschichte wieder, denn ich bin mir sehr sicher, dass ich nicht die einzige bin, der es mit ihren Leidenschaften so erging.

Ich war wie jedes Kind, frei und glücklich, ich konnte mich für alles in meiner Umgebung begeistern und interessieren, voller Neugier und Bereitschaft, alles Neue zu entdecken. Ich liebte es, zu spielen, zu basteln, zu malen, später auch zu lesen. Ich hatte zudem das Glück, von meinen Eltern in sämtlicher Hinsicht in diesen Dingen gefördert zu werden. Ich behielt die Begeisterung für das Erlernen neuer Dinge auch in der Grundschule noch bei, lernte freiwillig, schrieb gute Noten und interessierte mich für alles, was mir beigebracht wurde. Auch meine neuen Hobbys, Flöte- und Klavierspielen, nahm ich mit voller Begeisterung an.

Als ich jedoch aufs Gymnasium wechselte, änderte sich alles. Plötzlich war das Lernen kein Spiel mehr, das Spaß machte, plötzlich ging es um unsere Zukunft und der Druck wuchs. Malen und Basteln gab ich als allererstes auf, denn die Bewertung meiner Bilder traf mich hart. Wenn bis dahin meine „Werke“ von Eltern und Freunden stets als wunderschön bezeichnet wurden, wurde jetzt eine kleine Zahl ausschlaggebend. Ich resignierte, was soweit führte, dass ich im Kunstunterricht keinen einzigen Strich mehr zeichnete, da ich den permanenten Vergleich durch Blicke auf die Werke meiner Mitschüler nicht ertrug. Ich nahm kurz vor dem Abgabetermin meine leere Seite mit nach Hause und zeichnete das Erwünschte zum Teil in anstrengenden Nachtschichten unter größtmöglichem Zeitdruck, aber ohne Vergleich.

Obwohl mir Lernen und die Schule in meiner Kindheit großen Spaß gemacht und stets mein Interesse geweckt hatte, schaffte es das Schulsystem irgendwie, diese Begeisterung und infolgedessen auch meine Lernbereitschaft auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Alles ging nur noch um Noten und Leistung, die Freude an der Erweiterung meines Wissens geriet zumindest bei mir völlig in den Hintergrund. Ich lernte intensiv auf Prüfungen, stopfte eine Unmenge von Fakten in mein Kurzzeitgedächtnis und vergaß den Großteil nach der Prüfung wieder vollständig.

Doch nicht nur in der Schule verfolgte mich eine permanente Lustlosigkeit. Der ständige Leistungsgedanke schlich sich auch in meine Hobbys und ließ einen fast krankhaften Perfektionismusgedanken zurück. Wie konnte mir etwas Spaß machen, in dem ich nicht absolut perfekt war? Sogar das Reiten, ein Hobby, das ich mir selbst ausgesucht hatte, wurde somit jede Woche mehr zum Pflichtprogramm, das ich öfter frustriert als freudig absolvierte.

So mogelte ich mich mit relativ gutem Abschluss durch das Abitur, doch ich bin absolut sicher, dass dieser noch um einiges hätte besser sein können, wäre nicht mein Interesse im Laufe der Jahre auf quasi Null zusammengeschrumpft.

Da ich sämtliches an Hobbys, sogar das Lesen, nach und nach aufgab, geriet ich dadurch in einen gefährlichen Kreislauf der Langeweile und Lustlosigkeit. Ich wurde das perfekte Opfer für Suchtverhalten und lebte dieses zunächst nächtelang in Chatforen, dann jahrelang in Onlinespielen aus.

Schon ein Jahr vor dem Abitur erzählten die meisten meiner Mitschüler von ihren großen Plänen nach der Schule. Sie erzählten mit Begeisterung von ihren Studien- und Ausbildungsplänen, und auch ich wurde regelmäßig von meiner gesamten Umwelt danach befragt. Aber ich wusste auf diese Frage einfach keine Antwort.
Nach dem Abitur verzweifelten meine Eltern an meiner Lethargie und Ratlosigkeit und verschafften mir deshalb ein Freiwilliges ökologisches Jahr in Thüringen. Ich arbeitete für einen Hungerlohn in einem Freilandmuseum, aber es gefiel mir, und ich engagierte mich gerne.

Nach diesem Jahr begann ich dann endlich zu studieren. Für Romanistik hatte ich mich entschieden, weil ich seit meiner Kindheit regelmäßig nach Italien fahre und weil es mir als „Weg des geringsten Widerstandes“ erschien, sprich ich würde mit wenig Aufwand ein Studium beenden können. Mein Weg durchs Studium gestaltete sich ähnlich wie der durch die Schule. Ich lernte stets für das Kurzzeitgedächtnis, tat nie mehr als unbedingt gefordert, und benötigte dennoch die vollen 10 Semester, um meinen Bachelorabschluss zu erhalten. Natürlich war auch diese Zeit sehr schön und an manchen Dingen zeigte ich auch mehr Interesse, aber wenn ich sah, wie meine Kommilitonen sich zum Teil in die Arbeit stürzten und voller Begeisterung jedem Seminar folgten, stimmte mich das zutiefst traurig. Warum konnte ich nicht diese Leidenschaft für meine berufliche Zukunft entwickeln? Ich fragte in meiner unmittelbaren Umgebung nach und die einhellige Meinung bestand darin, dass arbeiten einfach keinen Spaß machen musste, sondern ein notwendiges Übel war.

Also bewarb ich mich auf verschieden Stellen, wie Museen, Tourismusbüros, und Sprachinstitute, schließlich hatte man mir vor und während des Studiums einen zu 100% sicheren Job in Aussicht gestellt. Ich bewarb mich ohne Erfolg und resignierte erneut. Ich dachte darüber nach, in eine völlig andere Richtung zu gehen und stellte wiederum fest, dass mich nichts aber auch gar nichts zu begeistern vermochte.

Langsam aber sicher fiel mir auf, dass dies nicht nur in Jobsachen der Fall war. Meine Hobbys waren auf ein Minimum zusammengeschrumpft, und die wenigen, welche ich noch verfolgte wurden häufig als sinnlos und zeitverschwenderisch betitelt, was mich danach immer mit einem schlechten Gewissen zurückließ.

Ich besaß nichts, worauf ich mich am Tag wirklich freuen konnte, worin ich aufblühte. Die meiste Zeit verbrachte ich vor dem Fernseher, ließ mich berieseln und wartete, dass der Tag vorüberging. Jeder Tag verging gleich, ich erinnerte mich an keinen einzigen mehr, die Zeit verflog viel zu schnell. Wieder fragte ich in meiner Umgebung nach, denn ich begann Freunde und Bekannte um ihre Leidenschaften und Talente zu beneiden. Warum konnte ich keine solche Leidenschaft entwickeln? Die Antwort war verwirrend und erschreckend. Niemand sah diese für mich so schwerwiegende Sache wirklich als Problem an. Warum machte sie sich über solche Belanglosigkeiten Gedanken, wo doch viel wichtiger war, dass sie sich endlich einen ordentlichen Job suchte?! Man ließ mich oft genug spüren, dass man nicht mehr gewillt war, auf meine Sonderwünsche und Problemchen einzugehen, bevor ich nicht etwas Sinnvolles in meinem Leben geleistet hatte.

Mittlerweile weiß ich, dass ich nicht einfach nur ohne Leidenschaften und Begeisterung geboren wurde, sondern, dass sie mir nur irgendwo auf meinem Lebensweg verloren gingen, und ich glaube fest daran, dass ich sie wiedererwecken kann. Ich weiß, dass viele Menschen denken, dass es Wichtigeres gibt als Begeisterung, Leidenschaften, etc. im Leben. Sie glauben dieses roboterhafte Dasein sei normal, aber ich bin nicht länger bereit, mich dieser Masse anzuschließen:
Ich will mein Leben zurück haben!

Deshalb versuche ich nun durch kleine Strategien im Alltag langsam wieder zu mir selbst zurückzufinden; dazu gehören Meditationen, und dass ich mir sehr viel Zeit für mich selbst nehme. In dieser Zeit bin ich mit allem einverstanden, was ich tue, und ermutige mich zu Dingen, an denen ich in diesem Moment Spaß habe, völlig ohne bewertenden Gedanken ob diese für die Gesellschaft nun sinnvoll oder sinnlos sein könnten. Ich versuche, sooft es geht innezuhalten und den Moment zu genießen, versuche, an jedem Tag all die schönen Dinge zu entdecken, die ich sonst immer übersehen habe. Ich bemühe mich, dankbar zu sein für jeden Augenblick, und nur im Hier und Jetzt zu leben.

An vielen Tagen klappt das schon ziemlich gut und ich bin wirklich zufrieden, oft erleide ich jedoch auch Rückschläge und tue mir schwer, diese Dinge umzusetzen. Ich weiß, dass dieser Prozess sehr lange dauern wird, und oftmals ist es schwer, sich vor seiner Umwelt für die scheinbar „sinnlosen Dinge“, die man tut, zu rechtfertigen.
Es mag tatsächlich sein, dass es Monate oder gar Jahre dauern wird, bis ich meine Leidenschaften vollständig wiedererweckt habe, aber sie sind es allemal wert, niemals aufzugeben.

 

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