Hallo, Endzwanziger-Krise!

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In letzter Zeit plagen mich wirklich seltsame Gedanken. Mal kann ich sie ignorieren, mal abschwächen und manchmal auch als vollkommen irrelevant enttarnen. Doch sie kommen immer wieder zurück. Erst als ich vor Kurzem einen Artikel entdeckt hatte, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich wohl tatsächlich in einer Art Krise stecke – der Endzwanziger-Krise.

Endzwanziger-Krise? Was ist das denn nun schon wieder?

Das klingt jetzt erst einmal schrecklich. Eine Krise, hilfe! Doch dieses Wort schockt mich inzwischen nicht mehr, da ich genau weiß, dass Krisen nötig sind, damit wir uns entwickeln, denn genau in diesen Zeiträumen passieren die größten Entwicklungssprünge. Ich weiß, dass ich diese „Krise“ überwinden werde und anschließend klüger werde als zuvor, deswegen bekomme ich auch keine Dauerpanik.

Aber was meine ich eigentlich mit „Endzwanziger-Krise“? Ist das jetzt der neue Begriff für „Midlife-Crisis“? Hat sich diese etwas nach vorne verschoben oder ist das ein neues Modewort der Industrie? Muss jetzt für jeden Lebensabschnitt eine Krise her? Muss nicht, aber ich finde, der Begriff bringt wunderbar auf den Punkt, was ich gerade fühle und von dem ich weiß, dass es lange nicht nur mir so geht.

Meine Version dieser Krise

Bei mir war das so: Mit Anfang Zwanzig wusste ich genau, wo ich war. Ich hatte mit einem Studium begonnen, das mir gut gefiel, machte an den Wochenenden die Nacht zum Tag und fühlte mich zum ersten Mal frei von den natürlichen Zwängen des Elternhauses. Ich hatte das Gefühl, dass mir die Welt offen steht, dass noch so viel vor mir liegt, dass ich alle Möglichkeiten dieser Welt habe. Ich war mir sicher, dass ich mit 28 ganz genau weiß, wer ich bin. Dass ich erwachsen bin, vielleicht sogar verheiratet, aber auf alle Fälle mit einem festen Job und Aussicht auf eine Familie und ein Häuschen. Natürlich dachte ich auch, dass ich bis dahin weite Teile der Welt bereist haben würde und meine Eltern stolz gemacht habe. Ich war mir so sicher, dass alles nach einem perfekten Plan läuft.

Doch es kam anders. John Lennon wusste es besser: „Life is what happens to you while you’re busy making other plans.“ Kluger Mann. Jetzt bin ich 28, fühle mich in keinster Weise auch nur annähernd „erwachsen“, bin nicht verheiratet, habe keinen festen Job und momentan auch keine Aussicht auf Familie und Haus. Ich habe weder weite Teile der Welt bereist, noch meine Eltern stolz gemacht. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Oft genug fühle ich mich noch wie Anfang 20 – ich hab Lust, wegzugehen; fahre in  300 km entfernte Städte, um meine Lieblingsband zu sehen und freue mich wie blöd über Autogramme; mag es, mich sexy anzuziehen und stehe auf schleimige Liebesgeschichten. Ich habe jetzt nur immer öfter das Gefühl, dass man diese Dinge „in meinem Alter“ langsam aber sicher nicht mehr macht. Ich müsste doch jetzt langsam erwachsen werden und Verantwortung übernehmen! Ich müsste endlich etwas aus meinem Leben machen!

„Aber du solltest…!!!“

Und als ob das nicht schon genug wäre, kommen meine eigenen Anforderungen hinzu: Du solltest endlich die Dinge anpacken! Du solltest endlich richtig Kohle machen! Du solltest langsam an eine Familie denken! Du solltest die Welt bereisen bevor du an eine Familie denkst! Du hast kein Geld, um die Welt zu bereisen! Du solltest langsam anfangen, Anti-Falten-Cremes zu benutzen! Du solltest jetzt schon anfangen, deine Haare dauerhaft zu färben, bevor sich die ersten grauen einschleichen! Du solltest deine Leidenschaften nicht nur vor dich hinleben sondern endlich mal etwas aus ihnen machen! Du solltest ENDLICH MAL das Leben leben, wie du es DAMALS geplant hattest!!!

Vielleicht bringt es ja tatsächlich etwas, es mal öffentlich zu sagen. Vielleicht hilft das endlich dabei, diese Stimme ein für alle Mal aus meinem Kopf zu verbannen:

Scheiß drauf!!!

Ich bin nicht mehr die Person, die ich Anfang Zwanzig war! Warum sollte ich dann immer noch meinen alten Plänen hinterherrennen? Warum sollte ich ständig das wollen, was andere mir sagen, was die Gesellschaft mir vorschreibt? Warum muss ich morgens in aller Frühe aufstehen, um das Gefühl zu bekommen, produktiv zu sein? Warum muss ich mich ständig dafür rechtfertigen, dass ich mich absichtlich für ein anderes Leben entschieden habe? Warum habe ich deswegen ständig ein schlechtes Gewissen?

Scheiß drauf!!!

Ich will feiern und eine Familie! Ich will auf Konzerte und ich will machen, was ich will! Ich will die Welt bereisen und ich will genug Zeit zu Hause verbringen! Ich will aktiv und passiv sein dürfen, wenn mir danach ist!

Und dafür ist es nicht zu spät!

Ich kann alles davon machen, wenn es das ist, was mein Herz zum Lachen bring. Eins nach dem anderen. Und es ist mir vollkommen egal, ob das dann in diesem oder jenem Alter noch „akzeptabel“ ist oder nicht!

Was ist, wenn das Leben wertvoller ist als die Pläne?

Erst vor Kurzem wurde es mir klar: All das, was ich Anfang Zwanzig noch wollte, habe ich vielleicht (noch) nicht, aber ich habe etwas, das viel wichtiger ist und etwas, das sich viele Menschen wünschen. Etwas, von dem ich nicht einmal im Traum daran geglaubt hatte, es jemals zu bekommen: Ich habe das Glück stets bei mir.

All diese Pläne sind doch nichts anderes als Konsumgüter. Man rennt ihnen hinterher und sobald ein Ziel sich verwirklicht hat, folgt schon im Hetzschritt das nächste. Wozu? Damit wir uns glücklich fühlen. Aber werden wir das jemals? Wenn ich mich in Gedanken darin verstricke, dass ich all das nicht schaffe, was ich gerne noch machen und erleben will, sage ich mir: STOPP! (Oder Scheiß drauf…)

Was würde denn passieren, wenn ich die Bahamas niemals bereist habe, wenn ich kein Traumhaus gebaut habe, wenn niemals im herkömmlichen Sinn mit etwas Erfolg habe? Würde die Welt zusammenbrechen? Eigentlich nicht! Dann wäre doch alles so, wie es jetzt ist. Und ich finde jeden verdammten Tag mindestens 10 Gründe, dankbar für mein Leben zu sein, wie es jetzt ist! Könnte es wirklich besser laufen? Nein! Ich habe jeden Tag die Möglichkeit, wunderbare Dinge zu tun und zu erleben, das Glück im Kleinen zu finden und es zu genießen. Das Leben beschenkt mich jeden einzelnen Tag aufs Neue und gibt mir Dinge, von denen andere Menschen auf dieser Welt nicht einmal träumen können. Ich kann in jedem Moment bewusst entscheiden, ihn anzunehmen und im Hier und Jetzt glücklich zu sein.

Würde ich auf den Bahamas so viel glücklicher sein? Wohl nicht! Würde ich in meinem Traumhaus so viel glücklicher sein? Vielleicht, aber nur kurzfristig. Würde ich mit viel Geld glücklicher sein? Ebenso kurzfristig.

Warum zum Teufel zerbreche ich mir dann das Hirn darüber und habe Angst, irgendetwas zu verpassen, dass sich das „passende Zeitfenster“ dafür schließt?! Das ist vollkommen unnötig!

Wo will ich wirklich hin?

Als mir das vor einigen Tagen in der Meditation klar wurde, traten all diese ruhelosen Gedanken mit einem Mal von mir weg. Ich sah sie mit Abstand, beobachtete sie und wusste, dass sie nicht die Wahrheit waren. Sie waren nur Gedanken und hatten keinerlei Bedeutung. Sie waren nicht ich. Ich habe keinen Grund, nach immer mehr zu streben, bis ich vor lauter Verzweiflung zusammenbreche, weil ich es niemals erreichen kann. Ich bin doch schon längst da, wo ich immer sein wollte. Ich bin ganz nah bei mir und das kann mir niemand wegnehmen. Wieso machte ich mir eigentlich so einen Stress?

Ich will mein Leben auf Erden sinnvoll gestalten, aber das muss nicht bedeuten, dass ich all meine Pläne einhalten muss, die mir im Kopf herumschwirren. Sie sind nicht der einzige Weg zur Erfüllung, es gibt so unendlich mehr davon! Und wenn ich meine Pläne loslasse, wenn ich nicht mehr eisern an ihnen festhalte, öffne ich mich für die Überraschungen des Lebens und für Möglichkeiten, die ich niemals ergreifen würde, wenn ich mich an meine Pläne klammere. Eine sinnvolle Gestaltung ist hier und jetzt möglich.

Indem ich dem folge, was mein Herz zum Singen bringt, spüre ich, wie sich plötzlich Möglichkeiten öffnen, die so vorher nicht dagewesen sind. Ich muss mich nicht beeilen, ich habe Zeit. Ganz langsam gehe ich Schritt für Schritt und tue das, was mich glücklich macht. Zeit spielt keine Rolle und Alter schon gar nicht.

Endzwanziger-Krise? Hallo und: Scheiß drauf 😉

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6 Kommentare

  1. Hallo Anna!
    Bei mir ist es schon länger her, als ich in genau derselben Krise gesteckt bin, nur war meine damalige Situation eine ganz andere: 3 kleine Kinder, Scheidung hinter mir und frisch verliebt… Hatte genau dieselben Gedanken: „Kannst du das in deinem Alter, als Mama von 3 Kindern, blablabla… dies und jenes noch immer machen?“ – und ich kam immer wieder auf die selbe Antwort: Jaaaaaa!!! Und ich sehe das mit über 40 noch immer so! Meine großen Reisen sind bis heute ausgeblieben, das große Geldverdienen war auch nicht, ABER dafür liebe ich das was ich mache (beruflich, wie privat) bin noch immer mit Leidenschaft Mama und verliebt in genau diesen Mann von damals 😀 – Herz, was will ich mehr! – Lebe DEIN Leben, liebe Anna!!!

    Alles Liebe
    Silvia

    • Liebe Silvia,
      wie beruhigend, dass du das mit 40 immer noch so siehst, dass man noch alles machen kann. Auch wenn es nicht die großen Reisen oder das viele Geld auf dem Konto sind – wenn man das tut, was man liebt, stelle ich mir das grandios vor. Und gerade tue ich eigentlich genau das, was ich liebe! Also ist alles gut! 🙂
      Vielen Dank für deine lieben Worte!
      Anna

  2. Hi Anna,

    hej, selbst mit etwas über Mitte Vierzig muss man nicht angepasst leben. Ja, ich habe einen Job, aber den reduziert, um mehr Zeit für meine anderen Leidenschaften haben. Ich reise oft allein ohne meinen Göttergatten und die meisten finden das immer noch komisch. Dieses Jahr stehen 3 Konzerte an, eines davon AC/DC. Wird für mich auch eine Grenzerfahrung sein, aber so what?
    Du machst das schon richtig, höre auf Dein Herz und nicht auf das, was alle sagen und Dir als „normal“ verkaufen wollen.

    Liebe Grüße,
    Ivana

    • Liebe Ivana,
      wie genial! Dann freue ich mich einfach schon auf Mitte Vierzig! 😉 Ich habe meine Ansichten bezüglich dieser „Krise“ inzwischen ein wenig revidiert. Vielleicht wird’s dazu demnächst noch einen Artikel geben.
      Haha, wie cool! AC/DC wird genial! Die hab ich selbst 2009 gesehen und es hat einfach nur Spaß gemacht! 🙂
      Alles Liebe dir!
      Anna

  3. Ja. Diese Krise kenne ich auch. Man schaut zurück auf die letzten Jahre. Auf beendete Beziehungen, Versuche regelmäßiger Sport zu machen, sich etwas neben der eigentlich Arbeit aufzubauen. Dann wird man sentimental. Gleicht den IST-Zustand mit dem Wunschdenken ab. Ich wollte verheiratet sein, mindestens ein Kind, nebenbei Musik auflegen und gemeinsame Pärchenabende mit selbstgemachte Dips und einem schönen Auto vor der Tür.
    Wenn man dann aber noch einmal in sich geht, merkt man, dass man viele andere Dinge erreicht hat. Über den Weg zum Minimalismus einen Blog aufgebaut, unglaublich tolle Menschen kennengelernt, tolle Kollegen auf der Arbeit, die besten Freunde und eine Beziehung die einem zeigt, dass die romantischen Vorstellungen der Liebe auch Realität sein können.

    Wichtig ist es, denke ich, offen zu sein und nicht an starren Bildern festzuhalten. Wir sind alles keine Max Mustermänner mit Normalbiografie. Es geht darum zu leben, zu lieben und bei sich selbst anzukommen. Werte, Normen und Ziele können sich ändern, was bleibt ist die unglaublich spannende Aussicht wie es weitergeht.

    • Lieber Michael,
      ich glaube, ich habe die Krise (zumindest zunächst) erfolgreich bewältigt. Du sagst es: Jetzt wo ich sehe, was ich alles stattdessen erreicht habe, komme ich mir gar nicht mehr so vor, als hätte ich etwas verpasst. Ich weiß jetzt, dass ich Dinge getan habe oder tue, die unglaublich wertvoll sind und vielleicht viel wertvoller als die x-te Weltreise. Denn ich bin zufrieden. Und so manche, die von der Weltreise zurückkehren, haben zwar tolle Orte gesehen und neue Leute kennengelernt, sind von sich selbst aber nach wie vor meilenweit entfernt. Und da frage ich mich: Wer hat wohl die größere Reise gemacht? 🙂 Du hast absolut recht: An starren Zielen festzuhalten, macht sehr schnell unglücklich und frustriert und man übersieht oftmals die Schönheit, die man links und rechts von seinem Weg entdecken würde. Das Leben hat mir im letzten Jahr unglaublich viele Überraschungen beschert und ich bin mir sicher, dass es dieses Jahr genauso werden wird. Es hat schonmal super angefangen und ich freue mich darauf! 🙂
      Alles Liebe
      Anna

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