Hast auch du auf ganzer Linie versagt?

design-ohne-titel

Ich bin die totale Versagerin. Echt jetzt. In meinem Leben habe ich laut manchen Leuten überhaupt nichts auf die Reihe bekommen. Ich habe keine Karriere gemacht, verdiene nicht viel Geld. Die, die das nicht tun, reisen aber zumindest viel und entdecken die Welt. Tja, auch das habe ich nicht getan. Ein paar Urlaube hier und da in einem sicheren EU-Land würde ich jetzt nicht gerade als „die Welt entdecken“ bezeichnen. Und tatsächlich gibt es auch Menschen, die weder Karriere- noch Reiseziele verfolgen. Das sind diejenigen, die Mann, Haus, Garten, Kind und Hund haben. Und dann gibt es noch Menschen wie mich. Diejenigen, die nichts davon „geleistet“ haben. Welche, die auf ganzer Linie versagt haben.

In den Augen der Gesellschaft bin ich wohl der totale Loser

Gestern habe ich einem ehemaligen Studienfreund zu seinem Geburtstag gratuliert, der inzwischen Bereichsleiter einer Firma ist. Den meisten, die gemeinsam mit mir studiert haben, geht es ähnlich. Sie sind mit beiden Beinen im Leben und machen was aus ihrem Abschluss. Die Leute aus meinem Abijahrgang will ich gar nicht erwähnen. Maaaann, sind die alle erfolgreich! Alle tragen ihren Beitrag zu dieser Gesellschaft bei.

Immerhin hab ich seit einem Jahr einen Job und ein geregeltes Einkommen. Okay, die Kassierer bei Lidl verdienen mehr, aber mich juckt das irgendwie null. Genauso wenig wie es mich juckt, ob ich auf ganzer Linie versagt habe.

Ja, ich musste wirklich lachen darüber, als ich mich gestern so betrachtet habe. Die Blicke der Leute entgehen mir nicht, wenn ich ihnen von meinem „Werdegang“ erzähle. Auch unter Kollegen ist es nicht immer einfach: „Wieso machst du das?“, „Du hast doch so viele Talente!“, „Wieso machst du nicht mehr draus?“, „Wieso arbeitest du nicht in Vollzeit?“. Dann gibt es noch die ältere Generation: „Wieso heiratest du nicht?“, „Wieso hast du noch keine Kinder?“ Und schließlich diejenigen, die mir Hoffnung machen wollen: „Keine Sorge, es ergibt sich schon noch was für dich“, „Dein Roman wird sicher verlegt werden, du wirst sehen“ oder: „Verzweifle nicht, es zeigt sich schon ein Weg für dich“.

Kennst du das auch alles?

Hast auch du vielleicht auf ganzer Linie versagt?

In den Augen der Gesellschaft natürlich.

Denn was in dir geschieht, können viele andere nicht einmal erahnen.

Dass du all die Zeit für dich gebraucht hast oder noch brauchen wirst, ist einfach nichts, was man von außen sieht. Es ist nichts, wofür man ein Zertifikat bekommt. Es gibt meist auch kein Geld dafür und schon gar keine Anerkennung. Alles, was du erntest, sind verwirrte Blicke, und bei Klassentreffen kannst du nicht mit einer Liste von Führungspositionen glänzend, die du bereits durchlaufen hast.

Aber:

Du könntest erzählen, wie das rote Ahornblatt heute im sanften Windhauch zur Erde gesegelt ist. Du könntest darüber erzählen, wie sich die Wolken verfärbt haben, sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war. Du könntest über das Kinderlachen etwas sagen, das heute durch die Straße geschallt ist oder von den liebevollen Augen deines Hundes. Du könntest berichten vom Geschmack des warmen Tees, den du heute früh in aller Ruhe genossen hast oder von den wohlklingenden Tönen, die du deiner Gitarre entlockt hast. Du könntest vom Gespräch mit deinem besten Freund erzählen und davon, wie ihr beide gelacht, geweint und euch anschließend in den Armen gelegen habt.

Du könntest davon erzählen, wie du während der Zeit, in der andere einem Ziel nach dem anderen nachjagten, gelebt hast. Hier. Jetzt. Nicht zwangsläufig im Dschungel Indonesiens oder auf den schmelzenden Polkappen der Arktis, sondern genau hier, wo du dich befindest.

Du könntest ihnen all das erzählen, aber du tust es nicht, weil du weißt, dass sie es nicht verstehen würden. Weil du weißt, dass es nur wenige da draußen gibt, die verstehen, warum du dein Leben so und nicht anders führst.

Es klingt langweilig, aber ist es das auch?

Ja, ich lebe in jener Kleinstadt, in der ich zur Schule gegangen bin. Und nein, sie ist nicht langweilig, sondern angefüllt mit Leben, Lachen und täglich Neuem. Nichts fühlt sich an wie ein Trott. Ich erlebe ständig neue Begegnungen, nehme Neues wahr, fühle Neues.

Ja, ich habe nur einen „Job“, aber ich freue mich, wenn ich einen Kollegen anlächeln oder ihm ein wenig Arbeit abnehmen kann. Und ich freue mich über das Geld, das wie von Zauberhand jeden Monat auf mein Konto trudelt, obwohl ich etwas tue, das ich vermutlich auch ohne Geld tun würde. Das, was ich tue, macht mir wirklich Spaß.

Ja, ich lebe in einer kleinen Wohnung, aber wenn das Licht durch die großen Fenster im Wohnzimmer fällt, die vielen Pflanzen in einem strahlenden Grün leuchten und sich ein kleiner Regenbogen auf dem Parkett abzeichnet, würde ich nirgendwo anders lieber wohnen wollen.

Ja, ich reise nicht viel, aber wenn ich hier durch die Wälder streife, entdecke ich jeden Tag etwas, was ich zuvor noch nie gesehen habe. Zauberhaften Nebel, der sich in zwischen den Bäumen verfängt, das sanfte Rufen eines Käuzchens in der Nacht, die Brise des Herbstwindes auf meinem Gesicht. Alles davon ist besonders.

Es ist alles eine Frage der Perspektive

Wenn die anderen es so sehen wollen, habe ich wohl versagt. Aber hat vielleicht nicht derjenige versagt, der all die Schönheit nicht mehr wahrnehmen kann, weil er von einem Termin zum nächsten hetzt? Hat nicht derjenige versagt, der nur aus Pflichtbewusstsein bei seinem Partner bleibt, obwohl man sich nichts mehr zu sagen hat? Hat nicht derjenige versagt, der all die Orte dieser Welt gesehen hat, den Schmetterling vor der eigenen Haustür aber nicht wahrzunehmen vermag?

Wenn all das das ist, was manche als „Erfolg“ bezeichnen – dann habe ich gerne auf ganzer Linie versagt.

 

Hat dir dieser Beitrag gefallen?

Möchtest du regelmäßig Inspirationen? Dann trage dich kostenlos in meinen Newsletter ein (jederzeit wieder abbestellbar). Ich freue mich schon auf dich!

Deine Daten sind bei mir zu 100% sicher. Du kannst den Newsletter jederzeit abbestellen.

12 Kommentare

  1. Hallo Anna,
    echt toller Blogbeitrag von dir .
    Ich „versage“auch so gerne, ist richtig schön…………
    Liebe Grüsse
    Sabine

  2. Welcome to the club. Ich habe nicht einmal richtig studiert. In den Augen so mancher in meinem Umfeld ist das ein inakzeptabler Makel. Es degradiert mich zum „Aschenputtel“. Heute herrschte auf der Arbeit betriebsame Hektik und Unruhe. Doch ich schaute aus dem Fenster und sah eine wunderschöne Krähe, die dort mit riesigen Schwingen vorbei flog. Die nicht akademische Versagerin saß in aller Seelenruhe da, während um sie herum alles im Chaos versank. Ich habe keine Kinder für die man Kindergeld bekommt und ich habe auch „nur“ einen Teilzeitjob. Ich möchte offen gesagt nie wieder Vollzeit arbeiten. Dafür ist mir meine Lebenszeit eindeutig zu kurz. Klar bedeutet weniger Arbeitszeit auch weniger Geld. Doch es reicht noch immer, ohne dass ich mich groß einschränken muss. Ok, Urlaube sind nicht mehr unbedingt drin und ausgedehnte Shoppingtouren sicher auch nicht. Doch dafür bekomme ich so viel mehr. Ich erlebe die Jahreszeiten wieder intensiv und sie fliegen nicht einfach so an mir vorbei.Klar habe ich manchmal Existenzängste und habe Angst, dass das Geld irgendwann nicht reichen könnte – nicht für mich, sondern für unser Zuhause und meine Lieben. Aber ich habe auch viel mehr Zeit für Kreatives. Ich bin um Materielles ärmer, aber um Spirituelles reicher. Wer ist denn nun der Versager? Ich, oder die, die in der materiellen Matrix leben und die Leere in ihren Herzen mit Konsum füllen?

    • Lieber Flamingo,
      was für ein wunderschöner Satz von dir: „Ich bin um Materielles ärmer, aber um Spirituelles reicher.“ – den werde ich mir merken, der macht einfach nur so viel Sinn. Es ist so schade, dass viele Menschen das überhaupt nicht wahrnehmen, was um sie herum los ist. Aber vielleicht können wir ja irgendwie dazu beitragen, dass sie es tun? Vielleicht reicht manchmal allein die Präsenz von uns Versagern, um andere daran zu erinnern, dass das Leben nicht so furchtbar ernst ist, wie sie manchmal meinen und dass man auch als Versager (oder gerade deswegen?) glücklich sein kann. 😉
      Ganz liebe Grüße dir!
      Anna

  3. Hallo liebe Anna, ich habe nicht „versagt“ und hatte auch eine gewisse Zeit Spaß im Beruf, habe geheiratet und ein Kind bekommen. Als ich nach drei Jahren wieder ins Berufsleben eingestiegen bin, war der Spaß aber nicht mehr so groß, der Stress aber umso größer.
    Nun gebe ich meine Ehe auf, weil es sich nicht mehr gut für mich angefühlt hat und lebe mit meinem Sohn, der seit drei Jahren die Schule verweigert, dafür aber ein Computerfreak ist zusammen. Vor der Ehe habe ich gelebt, dann irgendwann nur noch funktioniert. Jetzt erobere ich mir das Leben Stück für Stück zurück.
    Das Prinzip: Arbeiten, um zu Leben, empfinde ich als die richtigere Variante. Insbesondere, wenn das Arbeiten auch noch Spaß macht und die Kollegen mich bereichern.
    Ich wünsche Dir alles Liebe
    Elke

    • Hallo liebe Elke,
      dass du dir dein Leben Stück für Stück zurückeroberst, finde ich einfach wundervoll. Jeder geht da seinen eigenen Weg und mir scheint, als hättest du da deinen gefunden. Ich wünsche dir da alles Liebe!
      Ganz liebe Grüße
      Anna

  4. Hey,

    ich mache auch mit im Club derer, die im selbstzerstörerischen Statusmaraton versagt haben.

    Mit 30 war ich noch voll mit dabei, und konnte voller Stolz auf meinen selbst gegründeten Handwerksbetrieb verweisen. Doch das Leben (eine Reise, eine traumatische Trennung …) öffnete mir die Augen.

    Heute lebe ich äußerlich bescheiden in einer kleinen Holzhütte, schnitze Skulpturen, gebe ein wenig Kurse, helfe einem befreundetet Zimmerer, mache ein wenig Sozialarbeit, gehe ab und zu ein wenig Bergsteigen und mache ein wenig – dafür leidenschaftlich gerne – Musik.. So schaut es wenigstens von außen betrachtet aus.

    Doch wer mich sieht, schaut in zwei glückliche Augen. Sicher erlebe auch ich immer wieder Leid. Und es macht mir nichts mehr aus, da ich entdeckte, das es ebenso zum Leben gehört. Leid kann uns auf den Weg der Erlösung bringen.

    Bis heute, mache ich mich immer wieder auf, mich neu zu entdecken. Ja, es ist sowas wie ein alchemistischer Prozess: trennen und verschmelzen. So entsteht ein „ganzes Leben“. Und das braucht eben seine Zeit. Und ich bin noch lange nicht am Ende angekommen.

    Doch nächstes Frühjahr will ich nach Amerika zu den Kraftorten in Sedona / Arizona. Egal wie, und wenn ich auf einem Schiff anheuere.

    Ich denke, dass es völlig egal ist was wir machen. Wichtig ist, das das was wir machen auch wirklich von ganzem Herzen wollen. Und nicht einem Klischee entsprechen. Egal ob wir nun das Rascheln des Herbstlaubes genießen, oder oder eine Kathedrale bauen.

    Alles Liebe,

    Martin

    • Lieber Martin,
      was du schreibst, finde ich unheimlich inspirierend. Du bist ein wundervolles Beispiel dafür, dass es nicht darauf ankommt, WAS wir machen, sondern WIE wir es machen. Und du scheinst das genau richtig zu machen. Vielen Dank dir, ich werde mich immer wieder an dich erinnern, wenn ich mal ein wenig meinen Weg aus den Augen verliere. 🙂
      Ganz liebe Grüße dir und mach so weiter!
      Anna

  5. Liebe Anna,
    du tust so, als ob es so oder so gesehen werden könnte, ob man „versagt“ hat oder nicht. Dies ist falsch. Die jüngste Veränderung der deutschen Sprache hat damit zu tun, dass wir heute „versagen“ mitunter als für sich stehendes Verb auffassen (Synonym zu „scheitern“/“erfolglos sein“), anstatt: „jemandem etwas versagen“ = jdm. etw. verbieten/ jdm. etw. vorenthalten/ jdm. etw. nicht gönnen. Ob ich mir etwas versage, das kann, wenn ich ehrlich zu mir bin, nur ich selbst wissen (wenn ich anderen sagte, dass ich mir etwas versagen würde (oder nicht), dann w ü s s t e n sie es dadurch nicht, sondern g l a u b t e n es mir).
    Mir wurde in meinem Leben viel versagt und ich habe mir in meinem viel versagt (wie es den meisten Menschen heute nunmal so ergeht). Das war nachteilig für mein Wohlbefinden. Gleichzeitig hat es mir die Möglichkeit mitgegeben, daran zu wachsen, z.B. indem ich mir dieser Umstände bewusst werden und sie (als solche) annehmen/loslassen/überwinden kann. Manche Dinge habe ich mir aber nicht versagt, weil ich sie gar nicht machen/haben/sein will.
    Ich bin 24 Jahre alt und doppelter Schulabbrecher. Ich habe seit ca. einem Jahr eine lange Phase erst stillen und schließlich unübersehbaren Leids hinter mir gelassen, die in der Pubertät anfing. Zunächst habe ich bis kurz vor Ende des 12. Schuljahres eine Waldorfschule besucht, dann abgebrochen (und für ne Weile auf „die Straße“ ausgebrochen), ein Jahr später, nachdem ich mich wieder einigermaßen stabilisiert hatte, es nochmal an einem berufl. Gymnasium versucht (Einstieg 11. Klasse), dann aber wieder kurz vor Ende der 12. Klasse abbrechen müssen. Und das war beide Male kein leichter Schritt (eher gesagt war es jeweils eine psychisch-physische Not-Wendigkeit), da ich psychisch generell sehr unsicher war (das Leid hatte damit zu tun) und daher (unbewusst) sehr auf äußerliche und – trotz (oder gerade wegen?) weniger Sozialkontaktmöglichkeiten/-fähigkeiten – „soziale“ Sicherheit fixiert war und nicht mal in der Lage, mir eine echte Alternative zum Status quo meiner damaligen Lebensausrichtung vorzustellen. In der Zeit danach habe ich mich dann intensiv mit mir, Gott und der Welt auseinandergesetzt. Eine von vielen Erkenntnissen war, dass ich mir nun nicht „versage“, ein Leben nach anderer Leute Vorstellungen zu führen (z.B. staatlich-institutionelle Schule und Universität besuchen), sondern es ja gar nicht will (und mir daher auch nicht versagen kann). 🙂
    Liebe Grüße
    Joshua

    • Lieber Joshua,
      kann man ein Wort „falsch“ benutzen, wenn der Sinn bei den Lesern ganz eindeutig anzukommen scheint? 😉 Mit dem etymologischen Ursprung hatte ich mich tatsächlich nicht auseinandergesetzt, weil ich einfach drauflos schreibe. Würde ich erst recherchieren, wäre der Flow dahin und dan bräuchte ich gar nicht erst anzufangen. 😉 Aber danke für deinen Hinweis, natürlich kann man das Wort auch anders benutzen. Und ich benutze es ja auch im doppelten Sinne, je nach Perspektive und Bedeutung. Überhaupt finde ich, dass wir Worten durchaus eine eigene Bedeutung beimessen dürfen, wenn wir uns damit besser fühlen. Das tust du ja auch. Dieser Satz von dir gefällt mir besonders gut: „Eine von vielen Erkenntnissen war, dass ich mir nun nicht „versage“, ein Leben nach anderer Leute Vorstellungen zu führen“ – ich glaube, den werde ich mir merken.
      Ganz liebe Grüße und alles Gute dir!
      Anna

  6. Hallo Anna,
    Da stöbere ich gerade im Internet auf der Suche nach Menschen, denen es geht wie mir und da lese ich gerade genau das was ich gerade spüre bei dir. Ich bin 30 und habe seit Wochen das Gefühl mein Leben komplett in den Sand gesetzt zu haben weil ich aus vielen Gründen die Möglichkeiten die mir das Leben gegeben hat nicht genutzt habe und anstatt Karriere zu machen die Zeit mit meinen Lieben verbracht habe. Viele hatten hohe Erwartungen an mich und ich habe das Gefühl sie alle enttäuscht zu haben und jetzt habe ich irgendwie den Sinn in allem verloren. Du merkst ich bin noch nicht so weit wie du, dass ganze von der positiven Seite zu sehen. Aber deine Zeilen haben mir Mut gemacht dass ich es vielleicht irgendwann doch kann. Ich bin froh dass es da draußen Menschen gibt, die nicht den Ansprüchen der Gesellschaft folgen und doch ihr Glück darin gefunden haben. Danke dass ich dich finden durfte.

    • Liebe Vanessa,
      ich kann mich so gut in dich hineinführen. Ich kenne das so gut. Aber vertraue mir, du wirst gestärkt daraus hervorgehen – ganz, ganz sicher! Ich schicke dir mal ganz viel Kraft, Mut und vor allem Liebe!
      Anna

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.