Meine Geschichte

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„Frage nicht, was die Welt braucht. Frage dich selbst, was dich lebendig macht, und gehe und tue das, denn was die Welt braucht, das sind Leute, die lebendig geworden sind.“
(Howard Thurman)   

 

 

 

 

 

Alles, was wir tun, hat immer den Ursprung in unserer eigenen
Geschichte.

Es gibt keinen Groll, den ich gegenüber meiner Vergangenheit hege, denn wäre nicht alles exakt so gekommen, wie es kam, gäbe es diese Seite nicht und ich wäre nicht an jenem wundervollen Ort, wo ich jetzt bin. Ich bin jeder einzelnen Situation dankbar, auch wenn ich sie damals verflucht habe. Aber alles hatte letztendlich seinen Grund. Und genau deswegen möchte ich dir hier meine Geschichte erzählen. Weil es dir vielleicht ähnlich geht oder ging, weil es dir vielleicht schwerfällt, den Sinn dahinter zu entdecken. Meine Geschichte soll dir Mut und Hoffnung machen, dass es einen Sinn gibt und dass du ihn eines Tages glasklar vor dir sehen wirst, wenn du dich selbst nicht aufgibst.

Bis zu meinem siebten Lebensjahr wuchs ich in Weißrussland in bitterer Armut auf. Mir erschien es damals nicht so, weil einfach alle arm waren. Ich schlief auf einem ausziehbaren Sessel, weil für ein Bett kein Platz in der winzigen Wohnung war. Ich war ein fröhliches, energiegeladenes Kind, das genau dafür häufig Ärger bekommen hat. Meine Uroma war sehr gläubig und sagte mir immer wieder, dass der Teufel in mich stecke, weil ich so „wild“ und nicht brav genug war. Ich wusste nicht, wer der Teufel war, aber ich hatte Angst. Raue Worte und psychische Gewalt waren in meiner Familie an der Tagesordnung. Ich war ein Einzelkind, meine Eltern waren niemals in der Lage, wirklich miteinander zu kommunizieren. Aber das war normal. Für mich war es Alltag.

Der Kindergarten glich einer Vorschule, wo man ständig „brav“ zu sein hatte und ansonsten in die Ecke stehen musste. Ich hatte Angst, verstand nie, was ich eigentlich falsch gemacht hatte, warum ich für meine Lebendigkeit bestraft wurde. In Weißrussland wird man zur Unauffälligkeit erzogen: Lautes Lachen, sprechen oder gar weinen ist verpönt und unerwünscht. Ich fühlte mich ständig falsch. Gleichzeitig gaben mir meine Eltern sehr viel Liebe, die mich letztendlich auch „gerettet“ hat. Aber wann es Liebe und wann es Ärger gab, habe ich als Kind nie wirklich durchschaut. An die Jahre in Weißrussland kann ich mich auch schlecht erinnern.

Als wir nach Deutschland zogen, war alles spannend und neu. Ich hatte keine Angst, ich wollte alles entdecken und aufsaugen! Ich liebte das Lernen! In der Schule war ich auf Anhieb gut, ich entdeckte das Schreiben für mich und bekam schon in der ersten Klasse eine Zwei in Deutsch, obwohl ich erst ein paar Monate lang die Sprache beherrschte. Ich lernte schnell und es machte mir große Freude. Daheim schrieb ich auf einer alten Schreibmaschine Tiergeschichten, las ein Buch an einem Tag und war glücklich. Bis in der dritten Klasse meine Matheprobleme begannen. Zum ersten Mal fiel mir etwas schwer. Meine Eltern waren entsetzt und enttäuscht, daran kann ich mich gut erinnern. Ende der vierten Klasse sagten sie mir die ganze Zeit, dass ich bestimmt auf die Hauptschule kommen würde – ein Horrorwort für mich, das ich nicht mal verstand -, obwohl ich eine eindeutige Gymnasialempfehlung bekam.

Im Gymnasium wurde ich dann damit konfrontiert, dass ich irgendwie einer anderen Gesellschaftsschicht angehörte. Alle Kinder spielten ein Instrument, wuchsen in einem Eigenheim auf und stammten aus völlig intakten Familien. Ich fühlte mich völlig alleine. Einmal besuchte mich eine Schulfreundin zu Hause und wir schauten fern. Ich kann mich erinnern, dass sie total fasziniert davon war, weil es bei ihr daheim verboten wurde. Ich verstand nicht warum. Meine Freunde aus der Nachbarschaft waren alle in der Realschule, dorthin ging ich auch immer in der großen Pause (wir waren in einem Gebäude untergebracht). Es war mein einziger Lichtblick im Schulalltag, der immer grauer wurde. Meine Matheprobleme wurden immer heftiger, meine Eltern immer enttäuschter. Ich hatte riesige Angst vor jeder Mathestunde, davor, plötzlich aufgerufen zu werden und das Ergebnis nicht zu kennen. Außerdem hatte ich Panik vor dem Schwimmunterricht, weil ich ein unschönes Erlebnis hatte. Ich bekam an den Tagen immer Bauchschmerzen.

Ich hatte immer sehr gute Noten in Englisch, Deutsch, Bio, Sport und Kunst, aber das schien keinen zu interessieren. Mein Opa lachte immer laut über meine schlechten Mathenoten und sagte, ich sei dumm. Und so fühlte ich mich auch den Rest der Schulzeit. Dumm und falsch. Das Benotungssystem fand ich völlig unfair – vor allem die große Betonung der mündlichen Note. Mein Leben lang wurde ich zur Unauffälligkeit erzogen und jetzt sollte ich mich in den Vordergrund drängen?! Außerdem wurden meine Noten in Deutsch schlechter, weil ich lieber meine ehrliche Meinung aufschrieb, als die Lektürenhilfe auswendig lernte. Aber da war ich schon rebellisch genug, um es trotzdem durchzuziehen.

Aber nicht nur die Schule machte mir zu schaffen. Mit 16 geriet ich in eine sehr ungesunde Beziehung, die drei Jahre lang hielt. Ich lernte, dass ich nur durch Drama Aufmerksamkeit bekam, dass ich nicht einmal von meinem Partner verstanden werde (geschweige denn von meinen Eltern) und fühlte mich immer einsamer. Der seelische Schmerz wurde immer stärker, mein Ventil war die Musik. Ich schrieb fast jeden Tag einen neuen Song, begleitete mich mit Keyboard und Gitarre. Hier konnte ich meine Gefühle ausleben. Und ich hatte einen Hund, der mich liebte und der immer für mich da war, wenn ich weinte. Ich war mir sicher, dass mein Leben so weitergehen würde, dass ich ständig mit seelischen Schmerzen leben musste und dass es niemals aufhören würde. An der Beziehung hielt ich fest, weil ich mir sicher war, dass mich niemand jemals lieben könnte außer ihm. Wie denn auch? Ich hasste mich ja selbst! Für mein Versagen in der Schule, dafür, dass ich irgendwie nicht „normal“ war,…

Ich kann mich an so starke „Schmerzen“ erinnern, so schlimme Situationen, dass ich weder ein noch aus wusste. Niemand schien mir helfen zu wollen oder zu können. Ich verletzte mich selbst, bestrafte mich für meine Gefühle, um mich nur kurze Zeit später genau dafür zu verurteilen. Mit 17 nahm ich all meinen Mut zusammen und ging zum Hausarzt, erzählte ihm von meinen psychischen Problemen. Er lächelte nur müde und meinte, das sei „nur“ Teenie-Zeug, das ginge vorüber. Das war der endgültige Beweis für mich, dass ich völlig alleine mit meinen Problemen war.

Eines Tages nahm ich eine Handvoll irgendwelcher Tabletten aus dem Medikamentenschrank meiner Eltern. Ich schluckte sie alle. Ich weiß nicht einmal, welche Absicht ich damals verfolgte. Ich wollte mit aller Macht, dass die Schmerzen weggingen. Heute weiß ich, es war ein Suizidversuch. Ein missglückter – ich erbrach alles und lebte weiter. Etwas in mir wusste, dass das nicht das Ende sein konnte.

Als die Schulzeit sich dem Ende näherte und ich wider Erwarten mein Abi bestand (in Mathe wäre ich fast durchgefallen, dafür hatte ich Höchstpunktzahlen in Deutsch, Englisch und Kunst), fiel ein großer Stein von meinem Herzen. Ich tankte neuen Mut, neues Selbstbewusstsein und erkannte, dass ich mich von meinem Freund trennen musste. Die Trennung befreite mich noch mehr.

Während meines FSJ fühlte ich mich wie ein neuer Mensch. Zwar hatte ich auch dort meine Problemchen, aber jedes Wochenende zog ich mit meiner besten Freundin um die Häuser, lernte Menschen kennen, trainierte ein Jugend-Sportteam zum Meisterschaftserfolg. Ich färbte mir die Haare schwarz-rot, legte mir einen recht eigenwilligen Kleidungsstil zu, ließ mir Piercings und ein Tattoo stechen und verabschiedete mich von der unauffälligen, grauen Maus, die ich zu Schulzeiten war. Das tat unglaublich gut! Ich war mir sicher, die depressiven Schübe endgültig hinter mir gelassen zu haben.

Voller Elan startete ich in meinen neuen Lebensabschnitt im Studium. Pädagogik, das würde mir endlich das beibringen, was ich schon immer über das Lernen wissen wollte. Sofort wurde ich mich vielen Leuten warm, zog in eine WG. Zum ersten Mal im Leben hatte ich den Eindruck, dass ich in einer Clique fest angekommen war. Es war ein großartiges Gefühl, endlich dazuzugehören. Eine aus der Gruppe kam aus einer Stadt, die weiter weg war – wir nahmen uns vor, sie in den Semesterferien zu besuchen und die Stadt gemeinsam unsicher zu machen. Die meiste Zeit während der Ferien verbrachte ich in meiner Heimatstadt, und wunderte mich, wieso sich keiner meldete. Bis ich die Bilder in den sozialen Medien sah. Die anderen waren alle bei der Freundin – und niemand hatte mich gefragt!

Urplötzlich kam der alte Schmerz vom Alleinsein mit aller Macht zurück. Alles war von einem Augenblick auf den anderen ausgelöscht – all meine Hoffnungen auf ein „normales“ Leben. Ich konnte den Mädels nach den Ferien kaum in die Augen schauen, zog mich vollkommen zurück. In der WG nahm ich mit niemandem Kontakt auf, fuhr so oft wie möglich in meine Heimatstadt und versuchte, die Zeit in der Studienstadt auf ein Minimum zu reduzieren. Ich fühlte mich so betrogen, so einsam, so unverstanden und völlig falsch! Alles begann von vorne: die depressiven Gedanken, die Selbstverletzung, das Hoffen auf Hilfe, der unfassbare Schmerz. Ich wagte noch einen Versuch und rief eine Therapeutin an, konnte ihr aber nur aufs Band sprechen. Ich bat sie, mich dringend zurückzurufen, was sie aber niemals tat – ein weiterer Beweis für mich, dass ich niemandem wirklich wichtig war.

Glücklicherweise geriet ich an eine großartige und emphatische Hausärztin, die sich Zeit für mich nahm und mir Antidepressive verschrieb. Sie halfen. Ich fühlte mich wieder besser, stieg in eine Band ein und lernte dort meinen jetzigen Partner kennen, der ganz anders war als die Männer zuvor. Er ging nicht auf meine Dramen ein. Das war wahnsinnig schmerzvoll und ich „testete“ ihn mit allem, aber er blieb bei mir und tat das einzig Richtige: Er stieg nicht mit ein. Dafür bin ich ihm bis heute unendlich dankbar.

Dann lief eine Weile lang alles halbwegs okay. Meine Diplomarbeit machte mir Spaß, ich schloss mein Studium erfolgreich ab, zog zu meinem Freund – und fand einfach keinen Job. In dieser Zeit wuchsen meine Ängste, die ich vorher schon hatte, ins Unermessliche. Ich hatte vor allem Angst, was man sich nur vorstellen kann. Mein Leben bestand aus ständigen Vermeidungshandlungen. Ich hatte Angst davor, Bewerbungen zu schreiben und abgelehnt zu werden, aber auch Angst davor, keine zu schreiben und als Vollversager angesehen zu werden. Ich hatte Angst vor dem Leben und Angst vor dem Sterben.

Die Welt war ein unsicherer Ort, in dem andere über mein Schicksal bestimmten, und ich mittendrin. Eine Absage nach der anderen trudelte ein. Ich fühlte mich nutzlos und hilflos und zog mich völlig zurück. Ich wollte nicht die Fragen der Menschen beantworten, wenn sie von mir wissen wollten, warum ich denn nichts fand, oder noch besser: die mich vermitteln wollten. Ich heulte mir in dieser Zeit die Augen aus dem Kopf, und das Einzige, was mir half, war die Arbeit an meinem Roman. Jeden Tag setzte ich mich an den Laptop und schrieb mindestens 2000 Wörter. Ich schrieb und schrieb und schrieb.

Und eines Tages, als ich mir mitten am Tag ein Glas Wein einschenkte, weil mein Herz so raste und ich solche Angst hatte und weil ich wusste, dass Alkohol mich beruhigen würde, wurde mir klar: Das kann’s doch nicht sein. Das ist doch nicht alles im Leben. An diesem Tag fasste ich einen Entschluss: Entweder ich sorge jetzt mit aller Macht dafür, dass es mir wieder gut geht oder ich werde mein Leben lang so hin- und hergebeutelt werden.

Ich entschied mich für Ersteres, begann damit, Bücher zu verschlingen, fing mit Yoga an, mit der Meditation. Ich beschloss, das Leben zu meinem Freund und nicht zu meinem Feind zu machen und für mich selbst die wichtigste Person zu sein. Also hörte ich auf damit, Bewerbungen zu schreiben, beendete meinen Roman voller Enthusiasmus und Schaffensfreude, ging jeden Tag in die Natur, grüßte alle mit einem Lächeln – und veränderte mich. Tag für Tag. Der Job war mir inzwischen egal. Ich sah, dass ich ich ohne Job glücklich sein konnte. Und das war für mich eine bahnbrechende Erkenntnis, die ich mit anderen teilen wollte.

Ich startete diesen Blog, in der vagen Hoffnung, Menschen damit zu erreichen. Und es gelang mir. Es war viel Arbeit, aber ich tat sie gerne. Es gab viele Rückschläge, aber ich überwand sie. Weil mich die Geschichten von anderen inspiriert haben, weil ich gelernt habe, dass es möglich ist, sein Leben nicht nur okay zu finden, sondern es zu lieben!

Und genau das ist für mich der Passionflow: das Leben leidenschaftlich zu lieben und mit sich selbst im Reinen, im Flow, zu sein.

Meine letzte große Krise jetzt ist über drei Jahre her und ich bin immer noch ein Fan vom Leben. Natürlich habe ich noch Rückschläge und Phasen, in denen ich nicht weiter weiß. Aber ich weiß jetzt, dass die vorübergehen. Ich habe viele Methoden erlernt, um schnell wieder in den Flow zu kommen. Ich arbeite jeden Tag an mir und ich will das Ergebnis meiner Arbeit mit den Menschen da draußen teilen. Weil ich weiß: Wenn es mir gelungen ist, dann gelingt das auch anderen. Ich war völlig am Boden im Leben. So weit unten, dass ich mir sicher war, nie wieder herauszukommen. Aber ich habe es geschafft. Und das hat mich stark gemacht. Auf eine sanfte, weibliche Art und Weise. Wenn meine Worte auch nur einem Menschen da draußen helfen, dann haben sie sich gelohnt.

Inzwischen habe ich sogar einen Job, den ich super finde. Er hat mit meinem Studium nichts zu tun, aber meine Kollegen sind toll und ich fühle mich sehr wohl. Ich weiß, ich werde nicht für immer darin bleiben. Wenn ich in meine Zukunft blicke, sehe ich nichts Konkretes. Ich will mein Leben nicht verplanen und offen für Überraschungen bleiben. Aber ich sehe, dass ich Menschen in irgendeiner Form berühre. Das will ich, das macht mir Spaß, das gibt mir Sinn. Vielleicht werde ich Yogalehrerin, vielleicht Mutter, vielleicht Autorin. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich die Liebe, die ich inzwischen in mir gefunden habe (und die immer da war) weitergeben und teilen will. Ich will Menschen lebendig machen, so wie ich mich selbst lebendig gemacht habe. Ich will, dass andere ihr Leben bewusster leben, dass sie alte Muster und Meinungen infrage stellen und ihre eigene Wahrheit finden. Und ich will es voller Liebe tun.

Ob das meine Mission ist? Keine Ahnung, vielleicht ändert sich das morgen. Bis dahin folge ich einfach meinem Flow, genieße den Weg, sauge alles in mich auf, bin dankbar und schäme mich nicht für mich und meine Gefühle.

 

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24 Kommentare

  1. Hallo! Ich heiße Claudia und bin gestern ganz zufällig auf deinen Blog gestoßen. Und obwohl ich heute sehr früh raus musste, konnte ich einfach nicht aufhören zu lesen. Ich kann sehr gut nachvollziehen, was du hier über all die gesellschaftlichen Zwänge schreibst, die einen davon abhalten, seine Leidenschaften auszuleben. Dazu kurz meine eigene Geschichte: Ich komme aus einer Familie, in der Status immer das Wichtigste war. Meine Eltern haben ihre eigene Firma und achteten sehr darauf, uns Kindern die beste Ausbildung zu ermöglichen. Als Kind habe ich mich stets mit Begeisterung künstlerisch betätigt, und spielte als Jugendliche mit dem Gedanken, Kunst zu studieren oder eine Ausbildung zur Goldschmiedin zu machen. Da diese Beufe jedoch nicht sonderlich gut angesehen und bezahlt sind, wurde ich zu einer vollkommen anderen Richtung überredet. Ich habe auch noch zwei Schwestern, die eine studierte Jura, die andere Neurologie und ich bin, naja sagen wir, Geschäftsfrau geworden. Wir mussten also alle die Prestigestellung der Familie aufrecht erhalten, und ich gab meine damaligen Hobbies komplett auf und konzentrierte mich lediglich auf meinen beruflichen Aufstieg. Mittlerweile bin ich fast in den 40ern angelangt, und bin vermutlich sogar auf dem Höhepunkt meiner Karriere. Nach außen hin fehlt es mir an gar nichts. Ich habe eine schicke Wohnung, fahre ein tolles Auto und kann von meinem Gehalt mehr als nur gut leben. Doch dafür musste ich auch vieles aufgeben. Der Berufsalltag in einer Branche ist hart und lebt von Oberflächlichkeiten. Ich darf mir keine Fehler erlauben, muss mich durchsetzen können und arbeite häufig bis in die Puppen, um mein Pensum zu schaffen. Wenn ich dann nach Hause komme, ist meist nicht mehr drin, als mit meiner Katze zu schmusen. „Da hast du doch trotzdem ein tolles Leben!“, sagen die meisten, „Du kannst dir alles leisten, was du willst und genießt ein hohes Ansehen!“ Vermutlich haben sie da auch recht, aber trotzdem fühle ich mich oft genug leer, und weiß, dass ich selbst bei diesem Leben zu kurz komme. Deshalb bewundere ich deinen Mut, diese „Reißleine“, wie du es nennst, schon in so jungen Jahre gezogen zu haben. Oft frage ich mich, ob ich das nicht auch hätte tun sollen, und ob mein Werdegang ein Fehler war. Vielleicht hätte ich auch auf mein Inneres hören, und mich den Zwängen widersetzen sollen. In meinem Alter ist es jetzt ziemlich schwer, noch einmal einen anderen Weg einzuschlagen, auch wenn ich an keinen Partner oder Kinder gebunden bin. Dennoch denke ich im Moment immer häufiger darüber nach, zumindest etwas in meinem Leben zu verändern, um wieder mehr Zeit für mich selbst zu haben. Ich finde es toll, dass du dich komplett dafür entschieden hast, auf dein Herz zu hören! Jedenfalls freue ich mich sehr auf weitere deiner inspirierenden Artikel!
    Liebe Grüße und bis bald
    Claudia

    • Liebe Claudia!
      Vielen Dank, dass du deine Geschichte mit mir teilst! Ich denke, so wie dir geht es vielen Menschen, aber meist wird das nicht im Alltag thematisiert.
      Vielleicht kannst du die Kunst wieder ganz langsam in dein Leben bringen? Vielleicht ist es das, was dir fehlt? Du musst ja nicht gleich deinen Job aufgeben, aber wenn du sagst, dass du nicht an eine Familie gebunden bist, kannst du vielleicht an den Wochenenden künstlerisch tätig werden? Wenn es dir früher so viel Spaß gemacht hat, könnte es dein Zugang zu einem Leben mit mehr Begeisterung sein. Ich weiß, dass es manchmal schwer sein kann, aber nimm dir doch einfach mal ein Blatt Papier und zeichne oder male ganz unverbindlich einfach irgendwas. Es muss nicht schön sein; lasse all deine Ansprüche einfach nur fallen und spiele mit dem leeren Blatt. Kritzel es komplett voll. Deine Aufgabe ist einfach nur, es zu füllen – egal womit. Vielleicht bekommst du wieder Lust darauf, dich künstlerisch zu betätigen? Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir berichten würdest, was dabei rausgekommen ist!
      Ganz viele liebe Grüße und eine Prise Kreativität dir! 🙂
      Anna

  2. Hallo Anna,

    find ich lustig, dass es dir so ähnlich gegangen ist in der Schule, obwohl wir ja jetzt nicht wirklich viel miteinander geredet haben während der Schulzeit. Wie oft ich mir anhören durfte, ich hätte nicht genug gelernt 😀

    Dann bei den Überlegungen „Was machen nach dem Abi?“ hatte ich auch einige Sachen in der Waagschale, für die man kein Abi braucht. Da haben meine Eltern sich durchgesetzt, dass ich gefälligst studieren soll. Und da sie mir das bezahlen wollten hab ich das eben gemacht.

    Allerdings hab ich dann festgestellt, dass man mit Geschichte und Mittelhochdeutsch im Berufsleben doch eher weniger anfangen kann. Ergo hab ich jetzt meine Marketingausbildung gemacht, weil ich Lust drauf hatte und – wieder ohne viel Lernen – nen mords Schnitt hingelegt.

    So kanns gehen 😀

    • Hallo Jan,

      ja, so kann’s gehen. Manchmal braucht mein ein paar Umwege im Leben, um auf den richtigen Trichter zu kommen. Ich bin inzwischen für diese Umwege mehr als dankbar, denn genau die haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.

  3. Liebe Anna,

    Danke. Diese Sätze nehm ich mir.
    Mein Job ist es jetzt, gesund zu werden. Da ich zu diesem Zeitpunkt keinen Job habe (Ergebnis und ebenso Hauptgrund für meine aktuelle Verstimmung*), beschließe ich selbiges. Schließlich habe ich ja nichts zu verlieren.

    *Diagnose seit 1994: bipolare Störung. Letzte Manie: Anfang 2013. Folge: Job los. Folge von beidem: Depression.

    Und darum gehe ich jetzt mit dem Hund in die Sonne, tief atmen und mache anschließend Yoga. So.

    Sei gedrückt
    Nathalie

    • Liebe Nathalie,

      Es freut mich sehr, dass ich dich anregen konnte, etwas – sei es auch noch so klein – in deinem Denken zu verändern! Ich kann dich nur allzu gut verstehen, weswegen ich dir ganz, ganz fest die Daumen drücke, dass du deinen Weg findest und dass es für dich funktioniert, dich wichtig zu nehmen. Du hast absolut nichts zu verlieren, aber unglaublich viel zu gewinnen! Hund, Sonne und Yoga klingt schonmal fantastisch!

      Fühl dich zurückgedrückt 🙂
      Anna

  4. Liebe Anna, dein Artikel hat mich sehr berührt. Ich kenne das Gefühl sehr gut und habe selbst erlebt, wie es in die Depression fahren kann, wenn man funktioniert, die Erwartungen der anderen erfüllt, sich anstrengt und dabei vergisst, auf seine innere Bedürfnisse und Interessen zu hören. Manchmal muss man erst krank werden, um das sehen zu können

    • Liebe Jutta,
      heutzutage geht es so unglaublich vielen Menschen so, aber oft wird dieses Thema nicht einmal in der Therapie angesprochen (wenn sich die Menschen denn mal dazu durchringen). Und auch bei Krankheit sehe ich täglich, dass die Leute dann Umstände oder das Schicksal verantwortlich machen, anstatt in sich selbst hineinzuhören und zu sehen, was denn eigentlich fehlt. Das ist traurig, aber andererseits gibt es auch wiederum immer mehr Menschen, die solche Krisen (auch Krankheiten) als Chancen nutzen. Ich wünsche mir, dass dieses Bewusstsein wächst und dass ich mit meiner Geschichte vielleicht einen winzigen Beitrag dazu leisten kann. Wenn es schon einer Person hilft, hat es sich gelohnt! 🙂
      Ganz liebe Grüße
      Anna

  5. Liebe Anna,
    herzlichen Dank für diesen tollen, mitreißenden Artikel. An so mancher Stelle musste ich innerlich grinsen…. kam mir so Vieles bekannt vor. Nun ich habe das mein Leben lang so gemacht, dass ich es den Anderen Recht gemacht habe, dass ich mich verbogen habe, nur damit ich ein kleines bisschen Anerkennung bekomme. Hat wunderbar funktioniert. Jeder war zufrieden damit, jeder bis auf mich. Ich wusste gar nicht mal mehr was ich überhaupt wollte, was mir gut tat. Ich habe mich so sehr verbogen, dass von mir selbst nichts mehr übrig war.
    Nach vielen, vielen Fehlversuchen, vielen ganz schlimmen Verletzungen (die aber alle ihren Sinn haben und für die ich heute dankbar bin) habe ich jetzt – im „zarten“ Alter von 59 endlich meinen persönlichen Weg gefunden, meine Berufung für die ich brenne. Also für alle, die meinen man könne das nur in jüngeren Jahren tun: es ist niemals zu spät anzufangen….
    Alles Liebe Barbara

    • Liebe Barbara,
      freut mich sehr, dass mein Artikel dir so gut gefällt! Ich weiß genau was du meinst, wenn du schreibst, dass du es versucht hast, es allen recht zu machen. Ich ertappe mich noch immer dabei, wie ich anderen gefallen will. Schließlich ist Kritik ja sehr anstrengend und geht an die Substanz. Also biegt man sich so lange zurecht, bis – wie du so schön sagst – nichts mehr von einem selbst übrig bleibt.
      Es freut mich sehr, dass du mit deinem Kommentar anderen Mut machst, dass es niemals zu spät ist, seinen Weg zu finden! Übrigens ist deine Homepage sehr schön, ich werde die Tage sicher noch öfter in deinen Artikeln wühlen. 🙂
      Ganz liebe Grüße
      Anna

  6. Liebe Claudia,

    aus deinem Beitrag lese ich, dass dich Status und Geld nicht glücklich machen.
    Du hättest gerne Kunst studiert oder eine Ausbildung zur Goldschmiedin gemacht. Du schreibst, dass du als Geschäftsfrau die Prestigestellung der Familie aufrechterhalten musst und dafür hast du einen Teil von dir aufgegeben und fühlst dich leer.

    Mich machen deine Worte traurig und am traurigsten macht mich, dass du denkst, dass es zu spät ist, etwas zu ändern. Ich habe eine andere Erfahrung gemacht: Mit ca. 40 Jahren möchte die Seele heilen. Alle Wunden kommen hoch und möchten angeschaut und in etwas Gutes verwandelt werden.

    Ich kann dir nur folgenden Tipp geben:
    – Bestimme selber dein Arbeitspensum und plane Zeit nur für dich und deine echten Bedürfnisse ein.

    Ich finde dein Leben, wie du es berschreibst, einseitig und verarmt. Ich hatte mit 30 Jahren einen schweren Burnout und konnte 6 Monate lang nicht arbeiten. Der Burnout war meine Rettung, weil er mich gelehrt hat, dass es etwas gibt, was wichtiger als Projekte, Budgets und Timings ist: Ich selbst. Heute habe ich die höchste Priorität in meinem Leben und das ist gut so.

    Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du dein Leben beginnst zu wandeln und so lebst, wie du es dir wirklich wünscht.

    Du kannst jeden Tag einen neuen Weg einschlagen oder willst du wirklich die nächsten 40 Jahre so weiter machen wie bisher? Wenn du es alleine nicht schaffst, suche dir Unterstützung von einem Coach oder Therapeuten, es lohnt sich :0)

  7. Hi Anna,

    eine wirklich bewegende Geschichte, vor allem sehr offen erzählt. Habe sie gerade rückwärts gelesen und konnte nicht erwarten bis ich den Anfang erfahre. 😉

    Hat Spaß gemacht zu lesen und ich konnte deine Gedankengänge gut nachvollziehen. Wünsche dir eine wilde Zeit und viel Erfolg mit deinem Blog!

    Verschneite Grüße aus Ansbach,

    Martin

    • Lieber Martin,
      rückwärts gelesen? Das ist eine interessante Möglichkeit! Meinst du die Abschnitte oder Satz für Satz?
      Vielen Dank für deine lieben Wünsche – ich gebe sie geradewegs zurück!
      Vollkommen schneefreie Grüße aus Schwäbisch Hall 😉
      Anna

  8. Liebe Anna, wie schön, gerade auf deine Seite gestoßen zu sein 🙂 So ehrliche und inspirierende Worte, als ob du direkt von Seele zu Seele sprichst. Werde morgen direkt weiterlesen. Alles Liebe, Carla

    • Liebe Stefanie,
      danke dir von Herzen für deinen lieben Kommentar! Habe mich total über ihn gefreut! Und ich freue mich über den Kontakt zu dir! 🙂
      Ganz liebe Grüße
      Anna

  9. Hallo liebe Anna,
    ich schreibe selten in Bloggs –
    ..deine Lebendigkeit und ehrliche Art zu schreiben finde ich „inspirierend“ – ..und ermutigend….Worte habe ich eben keine – ….es ist ein Bauchgefühl….danke
    Heitere Grüße
    Ute

    • Hallo liebe Ute,
      ich danke dir von Herzen für dein Bauchgefühl, was du meinst, kam total bei mir an! Danke dir! 🙂
      Ganz liebe Grüße
      Anna

  10. Grüß Dich Anna,

    Deine Geschichte hat mich sehr bewegt. Und Dein Mut, in aller Öffentlichkeit „die Hosen runter zu lassen“.

    Doch gerade das ist es, das Mut macht. Am echten Beispiel zu erkennen, dass sich ein Leben doch ändern kann.

    Auch ich führe ein sehr bewegtes Leben. Bis Heute geht es runter und rauf wie in einer Achterbahn. Doch ich erkenne immer mehr meine wahren Bedürfnisse und Gaben.

    Danke Anna, für diesen Blog. Es ist für mich zwar nicht alles neu, was ich hier lese, aber es erinnert mich wieder aufs Neue, um was es geht, und vor allem wie es geht. Ich will auch gerne hier ein wenig von meinem Leben teilen.

    Liebe Anna, ich wünsch Dir, dass Du weiterhin in so einem positiven Lebensgefühl bleibst, und die Liebe in Deinem Herzen frei fließen kann.

    Martin

    • Lieber Martin,
      vielen lieben Dank für deine Worte, sie tun gut und sie machen auch mir Mut, so weiterzumachen.
      Nein, es ist sicherlich nicht alles neu, was du hier liest. Im Grunde genommen wissen wir doch schon so vieles, es ist alles in uns. Aber die Erinnerung ist eben wichtig, deswegen lese auch ich immer wieder dieselben Bücher. Und durch das Schreiben erinnere ich mich selbst. 😉
      Danke dir von Herzen auch für die lieben Wünsche, die ich genauso auch an dich richten möchte.
      Ganz liebe Grüße
      Anna

  11. W.O.W. Anna !
    Wow für Dein Durchhaltevermögen, Deine Kraft für Dich etwas gut zu machen.
    Dein Text hat Tränen in mir aufsteigen lassen. Es hat mich an mich erinnert.

    Und es beschreibt auch, dass der Weg ans Licht schon auch aufwändig ist.

    Aber das es ihn gibt und dass der Aufwand etwas Ungeahntes bewirkt.

    Danke dafür !

  12. Liebe Anna,
    der Blog ist schön geschrieben und kreativ, und kommt, so scheint es mir, vom Herzen. Das schon mal groß und gut und anerkennenswert. Doch einer sollte mal das Fenster in der Echokammer aufmachen und frische Luft hineinlassen. Deshalb diese Mail.
    Die umfassenden Selbstbespiegelungen sind doch Luxusprobleme von satorierten Menschen in einer satorierten Gesellschaft. In der Warum-Gesellschaft.
    Warum geht es mir so schlecht, warum komme ich nicht klar, wie schaffe ich das nur, werde ich jemals wieder glücklich sein? Aufgelasenes Zeug einer Ich-Kultur, und unterm Strich lebensfern: wenn es dir schlecht geht, geht es dir schlecht und wenns dir gut geht, gehts dir gut. So ist das nunmal. Dieses ewige warum? Na und? That`s life. No one gets out of this life alive.
    Und wenn du daran verzweifelst oder zerbrichst oder die Kurve kriegst, dann ist das so. Das ist so. Das ist dein Leben, das ist die Achterbahnfahrt. Licht und Schatten. Ist das verdammt faszinierend? Es gibt keine dauerhafte Glücks-Optimierung, es gibt nur optimale Glücks-Augenblicke. Und die bekommen die garantiert nicht mit, die immer beschäftigt sind, sich Gedanken darüber zu machen, wie es ihnen denn so geht.
    Die tollste Kunst ist aus den dunkelsten Lebenskrisen heraus entstanden. Die waren danach meist auch nicht glücklicher, aber immerhin, sie haben sich gespiegelt durch ihr Wirken.
    Meinst Du irgendjemand von denen hätte jemals seine Zeit und seine Kreativität in so einem Blog mit Selbstbespiegelungen verschwendet? Meinst Du die hätten dann noch irgendwas gerissen, wären jemals über die besonderen Grenzen des Lebens gegangen, die ihnen ermöglicht haben, durch ihre Kunst die Antworten auf die Krisen ihres individuellen Lebens zu finden? Nur so ein Gedanke…. Trotzdem ist der Blog natürlich super und wenn es Dein Kreativ-Ding ist, dann ist es natürlich ok. Und wenn Leute sich wiederfinden, ist es auch ok.
    Der einzige Coole in dem Blog ist der Freund und wie er auf dein Krisenlamento reagiert hat. Wirklich interessant und mega-bewundernswert. Aber der ist wahrscheinlich so. Sowas kann man nicht lernen. Chapeau! Mache sind cool und mache sind cooler.
    In diesem Sinne…
    Liebe Grüße
    Torben

    • Lieber Torben,
      ich frage mich, wieso du mich kritisierst und gleichzeitig sagst, der Blog sei trotzdem gut. Wenn es jemanden interessiert und ihm diese Seite Spaß macht – für den ist sie da. Wenn sie dir keinen Spaß macht, wieso bist du dann hier und verschwendest deine Lebenszeit hier, anstatt Großes zu vollbringen?
      Liebe Grüße
      Anna

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