Siehst du das Licht in anderen?

„Was siehst du nur in mir?“, wurde ich vor kurzem von einer Freundin gefragt. Ich weiß nicht mehr genau, was ich geantwortet habe, aber es war definitiv nicht umfassend genug und hätte sie vielleicht auch überfordert. „Das Universum, wie es sich in all seiner Schönheit in deinen Augen entfaltet, die Erfahrungen, die aus dir den Menschen gemacht haben, der du bist, das pure und vollkommene Leben, das noch nicht ganz den Ausdruck gefunden hat, den es noch finden wird. Und Licht. Ein Licht, das niemals erloschen war und niemals erlöschen wird.“ Vielleicht wären das zu viele Worte gewesen, aber bei genau dieser Freundin ist es so einfach, all das zu sehen. Bei so vielen fantastischen Menschen um mich ist es so einfach. Ob sie alle perfekt sind, dass ich das so sehen kann? Oh nein, sicher nicht, niemand ist das. Ich entscheide mich jedoch, das  Negative auszublenden. Und das bedeutet nicht, dass ich die Wahrheit verleugne. Es bedeutet, dass ich nur die Wahrheit sehe.

Ein Harmoniemensch durch und durch

Wenn ich mich als Kind mit einer Freundin gestritten hatte, bekam ich immer zwei sehr unterschiedliche Ratschläge von meinen Eltern. Meine Mutter, sie wollte mich wohl beschützen, sagte mir immer, ich solle den Kontakt abbrechen. Hätte ich immer auf sie gehört, wäre ich jetzt wohl völlig alleine. Mein Vater hingegen sagte, dass es immer zwei Sichtweisen in einem Streit gäbe. Ich versuchte mich also bereits in ziemlich jungen Jahren, in meine Freundin hineinzudenken. Manchmal gelang  mir das sehr gut, und wenn nicht, war ich ihr am nächsten Tag meist gar nicht mehr böse. Mir war die Harmonie stets wichtiger, als die Tatsache, recht zu haben. Meine Mutter war dann manchmal regelrecht enttäuscht, wenn wir dann wieder gemeinsam spielten.

Ich weiß ja nicht, was ich so von Sternzeichen halten soll, aber ich als Waage bin eindeutig das, was man ihr alles zuschreibt. Vor allem aber stets um Harmonie bemüht. Das wurde mir nicht nur von meiner Mutter als Schwäche ausgelegt. Bei anderen Menschen beobachtete ich, wie sie jahrelang nicht mit den eigenen Geschwistern sprachen oder ihren Eltern nicht verzeihen konnten. Ich sah dabei die Härte in ihnen und fragte mich, ob es das wirklich wert war. Ist das Rechthaben wichtiger oder der innere Frieden? Die Antwort auf diese Frage war mir noch niemals schwer gefallen… 

Filme oder Bücher, in denen die Personen ausschließlich aus Rache oder Machtstreben heraus handelte, langweilten mich schnell, aber ich lernte auch, dass es in gewisser Weise die Realität abbildet, in der wir leben. Manche Menschen fühlen sich ständig angegriffen oder als Opfer. Ich fühlte mich auch jahrelang als Opfer, aber gleichzeitig hatte ich auch immer tiefes Verständnis für die „Täter“, so fand ich, dass mein Mathelehrer, der so gemeine Dinge zu mir sagte, sehr traurig und einsam aussah, und ich erkannte auch, dass es meine Eltern alles andere als leicht in ihrem Leben hatten. Wir alle tun immer das, was uns als das Beste erscheint, sonst würden wir es nicht tun. Irgendwie war mir das schon immer klar.

Was ist wahre Stärke?

Vielleicht wurde auch dir beigebracht, bloß nicht die andere Wange hinzuhalten, es anderen heimzuzahlen und dich „nicht so behandeln zu lassen“. Nicht alles mit sich machen zu lassen ist ganz sicher nicht falsch, aber für mich ist das nicht gleichbedeutend mit Stärke. Genauso wenig wie es bedeutet, dass man schwach ist, wenn man nicht nachtragend ist und keinen Groll aufrechterhalten will. Mitgefühl ist ein Geschenk, das unsere Welt so dringend braucht – und keine Schwäche! Vor allem Frauen wurde dieses Mitgefühl, diese Liebe, von Natur aus mitgegeben, es zeichnet unser Wesen aus und wir fühlen uns oft, als würde etwas nicht stimmen, wenn wir es verleugnen und nur nach den männlich orientierten Prinzipien von Stärke und Durchsetzungsvermögen agieren.

Seit ich der Liebe folge (mein Wort für dieses Jahr), wird mir immer klarer, dass es niemandem etwas nützt, unbedingt recht haben zu wollen. Letztendlich sind dann beide Parteien unglücklich. Wenn ich nachgebe, bedeutet das nicht, dass ich schwach bin, sondern, dass ich bereit bin, über meine eventuelle Wut hinauszusehen und mein Gegenüber mit Liebe und in Ganzheit zu betrachten. Ich greife dabei nicht einen einzelnen Aspekt heraus („Er hat die Socken liegen gelassen – das macht er mit Absicht – er liebt mich nicht genug und ich bin ihm egal – wie kann er nur“), sondern betrachte die komplette Person und Situation („Er hat heute die Socken versehentlich liegen gelassen, weil er es vielleicht eilig hatte – das macht er nicht mit Absicht – er liebt mich und seine Liebe hat mit den Socken rein gar nichts zu tun – Ich liebe ihn, weil er ein wundervoller Mensch ist, der eben manchmal Fehler macht.“).

Für mich ist das Stärke, den Menschen als das wundervolle Wesen zu betrachten, das er ist. Und das ist jeder Mensch! Was wir nach außen hin sehen, sind Handlungen, und die sind manchmal sehr verwirrend. Aber wir alle machen Fehler, manchmal kleine, manchmal große. Manche von ihnen sind kaum nachvollziehbar oder auch völlig unverständlich, aber sie alle bedeuten, dass die andere Person lediglich vergessen hat, der Liebe zu folgen. Manche denken ihr ganzes Leben nicht daran, das ist sehr schade. Wenn wir diesen Menschen jedoch mit Missgunst begegnen, bestätigen wir nur ihre Theorie, dass es da draußen nur missgünstige Menschen gibt. Wenn wir uns hingegen bemühen, ihr Licht zu sehen statt ihre Schatten, besteht die kleine Möglichkeit, dass sie ihr eigenes Licht durch uns sehen – weil wir es ihnen spiegeln.

Nur die Liebe kann Menschen verändern.

Diese Welt wird nicht besser, wenn wir Groll mit uns herumschleppen. Es wird ständig gesagt, aber wie so oft sinkt es nicht richtig in uns hinein: Nur die Liebe kann Menschen verändern. Dabei müssen wir gar nichts Großartiges machen! Wir müssen keine Lösungen für Probleme finden oder uns den Kopf über etwas zerbrechen, wir müssen unsere Mitmenschen nicht verändern – es reicht, wenn wir liebevoll für sie da sind und ihr Licht sehen. Wenn wir ihnen sagen, dass sie wundervoll und wichtig sind und wenn wir ihnen zeigen, dass es völlig sicher ist, das eigene Licht leuchten zu lassen. Es zu unterdrücken bedeutet, dass wir nicht unser volles Potenzial ausleben – und dieses volle Potenzial ist die Liebe!

Alle lieben – geht das?

Mit der Liebe zu leben bedeutet aber auch, sich einzugestehen, dass es Personen gibt, die man einfach nicht lieben kann, so sehr man sich auch bemüht. Bei manchen von ihnen werden sofort unsere Emotionen getriggert und wir können einfach nicht gelassen und mitfühlend handeln. Hier gilt es, Selbstliebe zu praktizieren, geduldig mit sich selbst zu sein und genau das zu akzeptieren. Ich habe einmal von einem Mönch gehört, der viele Jahre lang im Kloster verbracht hat und hohe Grade seiner Ausbildung erreicht hatte – aber jedes Mal in die Wut zurückfiel, wenn er seine Eltern besuchte. Manchmal bedeutet Liebe also, anzunehmen, dass wir nicht immer zu 100% liebevoll sein können. Das muss uns aber nicht daran hindern, es immer wieder zu versuchen.

„Aber du siehst doch gar nicht die volle Wahrheit, wenn du das blöde Verhalten dieser Person ignorierst“, magst du jetzt vielleicht einwenden. Natürlich heißt das nicht, dass man Dinge gutheißen muss, die völlig unmöglich sind. Es heißt nicht, dass man auf ewig die Klappe hält und Dinge über sich ergehen lässt. Handeln aus Liebe kann auch bedeuten, sich selbst zu schützen, den Kontakt abzubrechen oder sehr deutlich zu kommunizieren, dass man ein bestimmtes Verhalten nicht länger duldet. Aber hinter all dem sollten wir niemals das Licht vergessen, das die Person  von Grund auf auszeichnet, mit dem wir alle geboren wurden. Es gibt nichts – kein Verhalten -, das dieses Licht dimmen könnte. Wir können das Licht sehen und uns dennoch von unserem Partner trennen, wir können jemanden anschreien und trotzdem das Licht sehen, wir können über ein Verhalten verzweifelt sein und gleichzeitig trotzdem wissen, dass das nicht alles ist, was diese Person zu bieten hat – auch wenn der gemeinsame Weg vielleicht beendet sein mag.

Mein Beschluss: das Licht in anderen sehen!

Ich habe mich entschieden, dieses Licht so oft wie möglich bei anderen zu sehen, mir immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass es nur ein Verhalten ist, das ich ätzend finde, nicht jedoch die Person an sich. Das gelingt mir nicht immer, manchmal sind da so schnell Emotionen da, dass ich erst im Nachhinein feststelle, dass ich anders hätte handeln können. Das ist okay. Dann atme ich tief durch und sage mir: „Ich habe mich falsch entschieden. Ich vergebe mir, das ist menschlich. Ich entscheide mich jetzt neu.“ Und dann stelle ich mir die Person vor und versuche, Mitgefühl und Liebe ihr gegenüber aufzubringen.

Ja, das ist der Weg, den ich gehen möchte. Denn es ist nicht  nur für mich schöner, keinen Groll zu hegen, sondern diese Liebe kommt bei den anderen ganz deutlich an. Sie sehen dann einen Teil von ihrer eigenen Großartigkeit in mir, weil wir alle eins sind. Dann sind wir durch etwas verbunden, was ich hier nicht einmal in Worte fassen kann. Dann ist da zwischen uns diese heilige Schönheit und die stille Gewissheit, dass wir alle so viel mehr sind.

Wie leicht fällt es dir, das Licht in anderen zu sehen? Ist das für dich ein erstrebenswertes Ziel? Bei wem ist es für dich ganz einfach, welche Personen sind herausfordernd? Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen! 

 

Hat dir dieser Beitrag gefallen?

Möchtest du regelmäßig Inspirationen? Dann trage dich kostenlos in meinen Newsletter ein (jederzeit wieder abbestellbar). Ich freue mich schon auf dich!

Deine Daten sind bei mir zu 100% sicher. Du kannst den Newsletter jederzeit abbestellen.

6 Kommentare

  1. Hallo Anna,

    die Lebensweisheit, die du hier auf deinem Blog, zum Ausdruck bringst, finde ich immer wieder erstaunlich!

    Liebe Grüße Sabine

    • Liebe Sabine,
      wir alle haben Zugriff auf diese Weisheit, wenn wir uns den Raum und die Zeit schaffen, ihr zuzuhören. Eigentlich ist es ganz einfach (auch wenn ich selbst das nicht immer finde). 😉
      Ganz liebe Grüße
      Anna

  2. Liebe Anna
    ich hatte vor etlichen Jahren für mich schwere Lebensereignisse, die ich nur mit viel Trauer und Schuldefühlen verarbeitet habe. Da fehlte die Liebe, hervorstechend war die Angst. Es waren Fehler aber ich muß oder beginne mich zu akzeptieren. Ich versuche immer alles fehlerfrei zu lösen aber ich tappe immer wieder in die Fehlerfallen. Nun möchte ich locker lassen und erstmal mich als Mensch annehmen. das ist meine Übung. Liebe und Güte sind dabei hohe Werte, Kraft und Leichtigkeit und Beruhigung. daran arbeite ich mit Imaginationen in einer Therapie. Ich hoffe so sehr daass diese Therapie mir hilft. Ich finde deine Artikel auch sehr gut. Mit Liebe geht alles einfacher. Lieben Gruß katharina

    • Liebe Katharina,
      der Weg, den du einschlägst, klingt wundervoll. Es geht in die richtige Richtung für dich. Du bist wundervoll und du wirst geliebt!
      Ganz liebe Grüße dir!
      Anna

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.