Vermeide Schmerz – und lebe unerfüllt

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Es gibt ein todsicheres Rezept dafür, wie man ein unerfülltes Leben ohne jeglichen Flow führen kann: vermeide Schmerz. Wenn du jetzt lauthals protestierst und mir das Argument entgegenwirfst, dass Schmerzvermeidung doch etwas völlig Natürliches sei, gebe ich dir recht. Unsere Körper sind darauf ausgerichtet, sonst wären wir vielleicht schon längst tot. Aber egal, was du tust: Du wirst Schmerz niemals gänzlich vermeiden können. Und eine ständige Vermeidungshaltung wird dafür sorgen, dass dein Aktionsradius immer kleiner wird – bis du dich nicht mehr bewegen kannst und dich auch infolgedessen nicht mehr lebendig fühlst. Alles wird blass und fahl. Lebendigkeit bedeutet wundervolle Freude und Leidenschaft, aber auch Schmerz. Beides. Wenn du Leidenschaft erfahren willst, musst du dich mit Schmerzen arrangieren. Und ich habe an dieser Stelle eine gute Nachricht für dich: Das geht.

„Ich halte das nicht aus!“

Früher dachte ich, ich kann Schmerzen nicht aushalten. Ich dachte, ich müsste an ihnen sterben. Damit meine ich nicht nur körperliche Schmerzen, wobei ich auch hier sehr früh und schnell lernte, was eine Aspirin oder Ibuprofen bewirkt. Dass unsere Körper uns mit Schmerzen immer etwas mitteilen wollen, war mir völlig unklar. Ich war der Meinung, ein Opfer zu sein. Mit mir war halt was nicht in Ordnung. Ich hatte nunmal ständig schmerzvolle Gefühle – so schmerzvoll, dass ich nicht mehr wusste, wie ich mir helfen konnte. Der seelische Schmerz war manchmal so schlimm, dass ich versuchte, ihn mit körperlichem zu überdecken. Ich verletzte mich absichtlich selbst. Ich bin nicht stolz darauf, aber heute weiß ich, dass es ein Lösungsversuch war, mit einer Situation, in der ich mich völlig hilflos fühlte, umzugehen.

Ich war mir auch in diesen schmerzhaften Situation sicher, dass sie niemals wieder enden würden. Horrorszenarien bildeten sich in meinem Kopf. Da war pure Verzweiflung. Wie war es denn möglich, so viele Gefühle auf einmal zu fühlen und alle auch noch so heftig!? So viel Schmerz über unerfüllte Erwartungen, so viel Scham auf meine „unangebrachte“  Reaktion, so viel Schuld, so viel Angst vor dem Versagen, so viel Wut auf mich selbst und darauf, dass mir niemand helfen konnte… Mein Gott, wenn ich das hier so schreibe, wird das alles wieder lebendig. All der Schmerz. Es war wirklich, wirklich schlimm.

Glück ist schön, aber wo bleibt die Tiefe?

Vor drei Jahren wurde aber alles besser. Der Schmerz wurde immer weniger. Ich habe verstanden, dass ich nicht meine Gefühle und Gedanken bin, dass da viel mehr ist. Ich habe endlich angefangen, mich selbst wichtig zu nehmen. Ich habe damit begonnen, mein Leben um meine Leidenschaften herum aufzubauen und gegen den Strom zu schwimmen, wenn alle anderen wollten, dass ich doch endlich etwas „Normales“ oder „Vernünftiges“ tue. Ich tat meiner Meinung nach das Vernünftigste: Ich sorgte für mich selbst.

Mein Leben wurde wunderschön. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, wie schnell das alles ging, kommt es mir ein wenig vor wie im Märchen. Ich übertreibe nicht. Die Dinge wurden so schnell so viel besser, dass das einfach nur unglaublich ist. Aber dann erreichte ich recht bald ein „Plateau“, auf dem sich zwar immer noch vieles veränderte, aber nicht mehr in derselben Geschwindigkeit. Es dauerte zwei Jahre, bis ich verstand, dass mir ein wenig Tiefe in meinem Leben fehlte. Die hatte ich davor zu extrem, so wollte ich das auf keinen Fall wieder haben. Aber mir fiel auf, dass ich einer absoluten Vermeidungshaltung war. Ich wollte den Schmerz, den ich all die Jahre lang ertragen musste, nicht mehr wahrhaben. Davor hatte ich unbewusst Angst. Angst davor, dass wenn ich Schmerzen in meinem Leben zuließe, sie sich dann wieder genauso stark manifestieren würden wie damals.

Ab und an hatte ich etwas, das ich lange gerne als „Rückfälle“ bezeichnete. Inzwischen tue ich das nicht mehr. Ich verurteile mich auch nicht dafür, wenn ich mal starke Gefühle habe. Angst, Wut, Traurigkeit, Scham – all das ist aus einem bestimmten Grund da und darf auch da sein. Auch wenn es schmerzt. Dank meiner Migräne habe ich gelernt, dass Schmerz uns immer sagen will, dass es Zeit ist, nach innen zu schauen und uns genau anzusehen, was es ist, das wehtut. Was brauche ich, gebe es mir gerade aber nicht? Was sind meine Erwartungen und sind es wirklich meine oder hat sie mir jemand anders aufgebürdet? Muss ich sie erfüllen oder kann ich sie einfach loslassen?

Ich habe gelernt, mich nicht sofort abzulenken, wenn ich Schmerzen fühle. Wenn wir das tun, werden sie nämlich immer und immer wieder kommen – und zwar dieselben Schmerzen. Es gibt Dinge, die muss man einfach Schritt für Schritt auflösen, um frei zu sein. Das tut weh. Aber das ist nicht schlimm. Wenn ich mich dem Schmerz ganz bewusst aussetze, merke ich, dass er mich nicht länger völlig in Besitz nimmt. Er ist dann da, aber ich weiß, dass ich nicht daran sterben werde. Das ist ein unglaublich befreiendes Gefühl, denn so muss ich nicht mehr ständig damit beschäftigt sein, vor ihm wegzurennen und ihm auszuweichen.

Ein Leben ohne Schmerz gibt es nicht

Ganz ehrlich? Das schaffen wir sowieso nicht. Ein Leben ohne Schmerz gibt es nicht. Als ich damit begonnen habe, mich mit Buddhismus zu beschäftigen, fand ich es ein wenig seltsam, dass es so viel um Leid ging, obwohl es eigentlich eine sehr optimistische Religion ist. Aber der Buddhismus zeigt uns, wie wir angemessen mit Leid und Schmerz umgehen können, anstatt ständig nur positiv gestimmt durch die Gegend zu rennen. Denn so entwickeln wir uns nicht weiter. Schmerzen lassen sich nicht vermeiden. Ich muss das nochmal wiederholen: Schmerzen lassen sich nicht vermeiden. Irgendwann werden wir mit ihnen konfrontiert: durch Krankheit, Tod, Alter. Also ist es doch ziemlich sinnvoll, zu erlernen, wie man mit Schmerz umgeht und nicht, wie man ihn vermeidet.

Die Vorstufe zum Schmerz ist etwas, das ich das „Unbequeme“ nenne. Etwas ist uns unangehm. Wir haben vielleicht nicht die totale Panik davor, aber wenn wir es vermeiden können, vermeiden wir es. Doch dadurch verlieren wir sehr viel. Ich rede nicht davon, die Komfortzone zu sprengen, aber das Unbequeme kann für uns ein unglaublich toller Lehrmeister sein, was den Umgang mit Schmerz angeht. Denn wir können das Unbequeme zu etwas Interessantem und Spannendem machen. So zum Beispiel bin ich mit meiner Freundin letztens losgefahren, ohne eine Übernachtung zu buchen. Als wir nach mehreren Stunden nichts gefunden haben, wurde es so richtig unbequem. Ich war schon kurz vor der Panik, um ehrlich zu sein. Aber genau dann fanden wir etwas – und es war super! Aus dieser Erfahrung habe ich gelernt, dass wir manchmal ein wenig in das Unbequeme rutschen müssen, um etwas Großartiges zu erleben. Anders wäre es wohl nicht gegangen.

Natürlich können wir uns in allen Lebenssituationen total bequem und schmerzlos verhalten. Das ist angenehm, aber auch gähnend langweilig. Irgendwann sind wir so gut darin, Schmerzen und Unbequemes zu vermeiden, dass wir uns eines Tages fragen, wo eigentlich unsere Lebendigkeit geblieben ist. Denn Lebendigsein ist immer ein Risiko. Sich zu verlieben ist ein Risiko. Aber wie wunderschön ist das denn bitte? Schmetterlinge im Bauch, dieses himmelhochjauchzende Gefühl! Da frage ich mich: Wenn wir es gelernt haben, dass Schmerzen uns nicht umbringen, sondern dass sie vergehen, können wir es doch riskieren, uns zu verlieben, oder?

Ohne Schmerz keine Lebendigkeit

Das Leben wird extremer, wenn wir uns dafür entscheiden. Ja, uns wird vielleicht mehr Schmerz begegnen, wenn wir etwas falsch machen oder wenn etwas nicht so läuft, wie wir es erwartet haben. Aber gleichzeitig wird auch so viel mehr Schönes in unserem Leben sein. Ich traue mich noch nicht so viel, aber ich es wird immer ein wenig mehr. Wir müssen den Schmerz riskieren, wenn wir richtig leben wollen. Schmerz macht das Leben gefährlicher, aber er macht es auch so viel bunter

Ja, ich werde in Löcher fallen. Aber ich werde wieder aufstehen. Ja, ich werde mich verletzten. Aber ich werde wieder heilen. Ja, es wird dunkle Tage geben. Aber auch ebenso viele helle. Ja, ich werde weinen. Aber ich werde auch lachen. Das ist Lebendigkeit. All das zuzulassen. Deswegen: Wenn du unerfüllt leben willst – vermeide weiterhin den Schmerz. Willst du aber den echten Passionflow spüren, stürze dich voll hinein und riskiere alles.

Wo vermeidest du Schmerz? Was genau findest du schlimm an ihm?

Warum es sich verdammt nochmal lohnt, dem Leben zu vertrauen
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8 Kommentare

  1. Liebe Anna,
    ich vermeide Schmerz nicht, ich mache manchmal das Gegenteil – ich suhle mich darin. So wie zur Zeit. Ich habe einen Job, der echt nicht zu mir passt. Das ist nicht die „Schuld“ des Jobs oder der Leute dort, es ist einfach gegen meine Natur. So simpel und doch so schwer dort weg zu kommen aufgrund Existenzängste (die schon real sind) und mangels Alternativen. Gerade bin ich für 2 Kolleginnen die Vertretung und ich habe schon nach Feierabend Angst vor dem nächsten Morgen. Wie immer in solchen Phasen gibt mein Körper Warnsignale in Form von „Kribbeln“ in Händen und Beinen und Schmerzen in der Fußsohle. Meine Füsse wollen mich nicht dorthin tragen. Dann suhle ich mich im Schmerz, weil ich keinen Ausweg sehe. Es werden wieder andere Zeiten kommen. Gerade ist eben Schmerzzeit. Es kommt und es geht. Ich versuche, dem Ganzen nicht noch mehr Energie zu geben, bis „die Welle“ vorüber ist. Ganz liebe Grüße Flamingo

    • Hallo Flamingo,

      kann deine Situation voll nachvollziehen. Aktuell bin ich ebenso in einem Job „gefangen“, der mir nicht mehr viel Freude bereitet. Jeden Tag das Gleiche. Tagein Tagaus.
      Innerlich spüre ich immer mehr, dass bald eine Änderung ansteht. Je größer die „Not“ ist, desto intensiver suche ich nach Alternativen.

      Ich wünsche dir alles Gute

      Christian

      • Hallo Christian,
        ich drücke uns beiden fest die Daumen, dass wir bald aus diesen Jobs raus kommen. Irgendwann geht eine Tür auf! Ganz sicher. Bis dahin wünsche ich auch Dir alles Gute.
        Flamingo

    • Lieber Flamingo,
      ich kenne das Gefühl sehr gut, mich im Schmerz zu suhlen. Das ist vielleicht nicht die schlechteste Art, damit umzugehen. Wenn wir ständig sagen „Hach, so schlimm ist das nicht“, kommen wir nie ins Handeln und es ändert sich gar nichts. Wenn wir jedoch den Schmerz wahrnehmen, können wir unser Leben besser in die Hand nehmen. Natürlich ist es wichtig, das nicht dauerhaft zu machen. Aber ein wenig Suhlen ist meiner Meinung nach sehr gesund. Sehr schön finde ich, wie du sagst: Gerade ist eben Schmerzzeit. Es tut gut zu wissen, dass alles vergehen wird. Und dass wieder Freude in unser Leben einkehrt.
      Dass du das immer und immer wieder sehen kannst, das wünsche ich dir von Herzen!
      Ganz liebe Grüße
      Anna

  2. Hallo Anna,
    beim Lesen deines Artikels entstand bei mir genau das Gefühl des Unbequemen, weil dein Artikel mir den Spiegel vorhielt. Ich habe auch erstmal aufgehört zu Lesen, nur für einen Moment, dann aber aufgrund deiner Worte weitergelesen.
    Das Bewusstsein, das mich die Unbequemen Dinge voran bringen und die möglichen Konsequenzen mich nicht umbringen oder verletzen, habe ich gefühlt schon recht lange. Dennoch fällt es mir oft schwer, voranzugehen.
    Mal klappt es problemlos, mal überhaupt nicht. So überlegte ich auch letztens, woher das Unbehagen in mir schon wieder kommt, weil es rational nicht haltbar war. Mir liegt im Moment daran, mein Unbehagen soweit zu mindern, dass ich bestimmte Dinge zumindest überhaupt angehe.

    Bspw. einen Anruf tätigen, was rational keine große Sache ist, da ich nur etwas nachfragen möchte und alle möglichen Antworten keinen Schaden verursachen können, sondern nur Gewissheit bringen oder Fortschritt bringen, fällt mir oft schon sehr schwer. Manchmal auch überhaupt nicht, aber meistens schon. Wenn das Unbehagen nun zu groß ist, ich aber dennoch anrufe, dann verhaspel ich mich bei den einfachsten Sätzen. Auch wenn das nur ganz selten vorkommt, scheint es mich allgemein zu hindern, Anrufe zu tätigen.

    Wie waren denn deine Schritte, dich darauf einzulassen, wenn du das Unbehagen gespürt hast. Hat bei dir das Bewusstsein, dass dieses Unbehagen rational unbegründet ist und du eigentlich nichts zu befürchten hast bzw. dass es dir danach besser geht, schon ausgereicht? Oder gab es da noch etwas, um dich zu überwinden, den nächsten Schritt zu machen und zwar nicht nur in Gedanken?

    Ich wünsche Dir eine wundervolle Zeit auf Madeira, genieße dort auch die Natur und die steilen „Gebirgszüge“ mit der tollen Aussicht etwas abseits von dem Touristentrubel! 🙂

    Danke für Deine Artikel 🙂
    Liebe Grüße
    Christian

    • Lieber Christian,

      ja, ein Artikel darf auch ruhig etwas Unbequemes auslösen. Schön, dass du das so gut erkannt hast! Ich glaube, dieses Bewusstsein ist schon ein Riesenschritt – und der Rest kommt dann von ganz alleine.
      Dass du auch nicht gerne anrufst, ist ja wirklich ein interessanter Zufall. Ich kenne es auch, dass ich mich dann verhaspel und im Anschluss an das Telefonat mache ich mich richtig fertig dafür. Aber diese Sache ist jetzt keine, die ich ganz akut angehe.
      Wie du bereits schreibst, ist es wichtig, sich hier nicht zu überfordern, sondern genau auszuloten, was einen zum Wachsen bringt und was einen so sehr in die Angststarre versetzt, dass man es lieber noch ein wenig ruhen lässt. Dafür ist es wichtig, sich viel mit sich selbst zu beschäftigen und sämtliches Verhalten infrage zu stellen. Bei vielem hat hier das Bewusstsein, das nichts passieren kann, schon ausgereicht. Ich bin dann in Gedanken voll in das Vertrauen gegangen. Bei manchem reicht es nicht und ich brauche einen kleinen Schubs. Erstaunlicherweise muss ich dabei feststellen, dass das Leben einem diese Schubser gibt, wenn man aufmerksam ist und sie „annimmt“. 😉

      Ich freue mich schon sehr auf Madeira und habe definitiv vor, die Insel abseits des Trubels bei langen Wanderungen und Touren zu erkunden. Das wird super!

      Ganz liebe Grüße
      Anna

  3. Hallo Anna,

    deine Artikel kann ich auch gut nachempfinden. Auch, dass der Schmerz uns immer etwas sagen will – körperlicher und seelischer Schmerz. Ich hab das mal geschafft Schmerzen wegzuatmen. Eigentlich habe ich gar nicht daran geglaubt, aber ich hatte keine Wahl, ohne Aspirin & Co musste ich mir was einfallen lassen. Zu meinem Erstaunen hats geklappt.
    Heute merke ich oft, das mein Körper mir mit Schmerzen oder Krakheit sagt, dass ich mal wieder über meine Grenzen gegangen bin und mich jetzt dringen auf MICH und meine Bedürfnisse konzentrieren muss.
    Danke für Deinen Artikel und viele Grüße
    Michaela

    • Liebe Michaela,
      ich finde es total spannend, dass du davon berichtest, Schmerzen „weggeatmet“ zu haben. Genau das ist mir bei meiner Migräne oder bei Unterleibschmerzen auch schon oft gelungen. Es ist so wundervoll, sich auf sich selbst und den Atem zu konzentrieren und irgendwann festzustellen, dass der Schmerz ja weg ist. Echt genial, dass du diese Erfahrung gemacht hast!
      Und mit den Grenzen hast du auch vollkommen recht. Wenn der Körper Schmerzen schickt, ist das ein klares Zeichen dafür, mal anzuhalten und auf sich selbst zu achten.
      Ganz liebe Grüße dir und danke für deinen Kommentar!
      Anna

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