Warum das Perfekte vergehen muss

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„Lerchen sind sehr selten geworden“, sagt Michaela. Doch heute ist laut und deutlich eine zu vernehmen. Obwohl die Bundesstraße ganz in der Nähe vorbeiführt, rücken ihre Geräusche in den Hintergrund. Unser Weg führt uns an blühenden Kamillen vorbei, die so betörend riechen, dass es mir schwerfällt, nicht zumindest eine Hand voll der kleinen Blüten für meinen Tee mitzunehmen. Über Felder gelangen wir schließlich in den Wald hinein, und ich komme mir vor, als hätten wir die Zivilisation endgültig hinter uns gelassen. Die Vegetation ist hier so grün und üppig, dass sie den Lärm der menschengemachten Geräte von uns fernhält. Und ich komme an. In der Welt unserer Vorfahren, in der Natur. Dort, wo wir eigentlich hingehören. Es ist Sommersonnenwende, und ich lerne heute: Wir dürfen nicht verdrängen, dass selbst im schönsten Augenblick ständig die Vergänglichkeit mitschwingt, und dass wir genau sie brauchen, um ihn genießen zu können.

Der Kreis des Jahres

Michaela macht geführte Wanderungen zu den alten Jahreskreisfesten der Kelten und an Vollmond. Heute ist eines der bedeutendsten Feste: Sommersonnenwende. Und zugleich Vollmond – ein Ereignis, das so nur alle 70 Jahre stattfindet. Deswegen sitze ich hier um 2 Uhr nachts und schreibe darüber. Weil dieses Licht da draußen mich wach hält und weil ich auf meinen Körper höre, der nicht schlafen will.

Seit ich Michaela bei der letzten Vollmondwanderung erlebt habe, bin ich völlig von ihren Touren begeistert und unglaublich dankbar dafür, dass hier bei mir in der Gegend so etwas angeboten wird. Sie ist wirklich leidenschaftlich dabei, ihre Augen leuchten, wenn sie darüber erzählt, dass den Kelten die Bäume und Sträucher heilig waren und dass sie ihr selbst auch als Christin heilig sind. „Jesus hätte nicht gewollt, dass wir die Erde zerstören“, sagt sie. „Er wollte nie, das etwas mit Gewalt getan wird.“ Und ich stimme ihr zu, auch wenn ich Jesus nicht persönlich kenne.

Sie erzählt über die acht Jahreskreisfeste, die unsere Vorfahren in diesen Landstrichen einst feierten, und ich bin dankbar dafür, dass sie noch erhalten geblieben sind. Jedes Fest hat seine eigene Symbolik, die für mich so unglaublich viel Sinn macht. Wenn wir uns auf die Themen des Jahresrhythmus‘ einlassen, finden wir unseren eigenen Rhythmus und verbinden uns tief mit unserem Flow. Auch wenn wir Menschen uns noch so viel Mühe damit geben, künstliche Rhythmen zu erschaffen, bleiben wir doch in unserem Inneren Naturwesen und tief mit allem, was lebt, verbunden. Das bestätigt Michaela mir.

Sommersonnenwende, Litha, Mittsommer

Die Sommersonnenwende, auch Litha oder Mittsommer genannt, wird am längsten Tag des Jahres gefeiert: am 21. Juni. Die Nacht ist die kürzeste im ganzen Jahr. Dieses Fest hat eine seltsame Ironie: Der Sommer hat gerade erst begonnen, gerade in diesem Jahr gab es noch nicht allzu viele heiße Tage, und schon sollen die Tage wieder kürzer werden? Wie kann das sein? Wir wollen es am liebsten nicht wahrhaben! Gerade erst scheint alles aus dem Winterschlaf erwacht, wir befinden uns auf dem Höhepunkt, und schon soll es wieder abwärts in Richtung Kälte gehen? Auch wenn die heißesten Monate uns noch bevorstehen, ist es wichtig, dass wir die Tatsache, dass es wieder „abwärts“ gehen wird, nicht verdrängen. Darin besteht für mich die Magie an diesem Tag des Jahres.

Nichts bleibt für immer. Selbst der süßeste Moment kann nur deswegen so süß sein, weil wir wissen, dass er nicht für ewig bleibt. Wir können das Leben nur schätzen, weil es den Tod gibt, der es uns jederzeit wegnehmen kann. Das Licht ist nur dann so hell, wenn wir es im Kontrast zum Schatten betrachten und der Sommer nur dann so herrlich, weil wir wissen, dass es wieder Winter werden wird. Alles ist im Werden und Vergehen, alles verändert sich, selbst wenn wir uns noch so sehr dagegen wehren.

Die Sommersonnenwende zeigt uns, dass wir genau diesen Anteil – das Vergehen im Perfekten – annehmen können, dass wir uns die Vergänglichkeit bewusst machen sollten, um später nicht plötzlich überrascht zu werden und dann in einen Schockzustand zu verfallen. Denn egal, ob wir uns dagegen wehren oder nicht, die Veränderung wird kommen. Also können wir sie ebenso gut mit offenen Armen begrüßen.

Auch das Feuer, das heute Abend zur Feier des Tages entzündet wurde, ragte mehrere Meter in die Höhe. Es strahlte über eine erstaunlich weite Entfernung seine Wärme ab. Doch schon nach einer halben Stunde war es nur noch halb so hoch. Als wir nach Hause fuhren, war nur noch die Glut zu sehen.

Noch können wir genießen

Noch ist der Sommer da. Noch sind wir voller Energie. Noch haben wir alles im Überfluss. Noch explodiert da draußen das Leben. Aber Tag für Tag wird die Kraft der Sonne nun nachlassen. Doch das braucht uns jetzt nicht traurig zu machen, für mich ist das vielmehr eine Aufforderung dazu, all das zu genießen, solange es noch währt. Den Sommer zu genießen (so viel Zeit wie möglich draußen zu verbringen), die Energie zu genießen (und sich zu fragen, wohin wir sie lenken können), den Überfluss zu genießen (und Erdbeeren und Kirschen zu essen, bis wir Bauchschmerzen bekommen) und das Leben tatsächlich zu leben (und es nicht zu verpassen). Der Sommer wird vergehen, die Energie versiegen, der Überfluss zum Mangel und das Leben zum Tod. Mich motiviert genau das, nicht in Passivität zu verharren, sondern aktiv zu gestalten, zu genießen, zu leben, mit allen Sinnen zu fühlen.

Ich glaube, ich werde noch wachbleiben, bis die Sonne aufgeht. Ich will sie begrüßen. Draußen, mit Yoga und einer Tasse heißem Tee. Ich will die Natur spüren und wahrnehmen, was sie mit mir macht. Immer wenn ich das zulasse, fühle ich mich angenommen und weiß, dass ich hierher gehöre, in diese wundervolle Schöpfung, dass ich ein wichtiger Teil bin in einem großen Ganzen, das ich nicht durchschauen kann und auch nicht muss.

Dann weiß ich: Alles hat seinen Sinn, selbst das Perfekte muss vergehen.

Und das scheine nicht nur ich so zu sehen. Es waren heute viele Menschen beim Sonnwendfeuer dabei. Sie alle scheinen diese Sehnsucht in sich zu spüren, die Symbolik dieser Jahreszeit intuitiv zu verstehen. Auch wenn manche von ihnen sich zu sehr auf ihren Verstand verlassen, hat sie doch etwas dorthin gezogen, genauso, wie es dich hier zu diesem Artikel gezogen hat. Halte doch mal inne und spüre, was dieser Zeitpunkt mit dir macht, was er dir sagen will. Was gibt es, was du genießen solltest, bevor es vorbeigeht? Welches Fenster wird sich schon bald vor dir schließen? Und: Kannst du das annehmen? Ich glaube, wir können das lernen. Ich bin mir sicher, dass wir zurückfinden können zur Natur, zu uns selbst und zu unserem eigenen Flow. Wenn wir uns darauf einlassen.

Welche Bedeutung hat dieser Zeitpunkt des Jahres für dich? Hast du vielleicht die Sonnenwende gefeiert? Was sind deine Gedanken zur Vergänglichkeit im Perfekten?

Hier kannst du noch mehr erfahren:
Die Rhythmen deines Lebens – Wie du lernst, sie anzunehmen und zu lieben
Raus mit dir in die Natur!
Wieso du morgen jemand anders sein wirst

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10 Kommentare

  1. Das Thema Natur begegnet mir in den letzten Tagen sehr oft. In Blogs, YouTube-Videos, Gesprächen mit Freunden. Scheint wohl ein Zeichen zu sein, diese Tage bzw. Wochen ein bissel bewusster in der Natur zu geniessen. Ich liebe es, habe es jedoch in letzter Zeit sträflich vernachlässigt.

    Draussen sein. In der Natur. In der Frische. Einfach sein. Still. Mit mir selbst. Ruhig. Gelassen. Atmen.

    Danke für die Inspiration.

    Gruß, Michel

    • Hallo Michel,
      Anna ist bestimmt eingeschlafen, sie hätte nach 4 Stunden doch schon geantwortet. 🙂

      Hallo Anna,
      danke für deinen neuen Blogeintrag.
      Wir sind am Wochenende oft in der Natur. Aber mit Kindern ist die Empfindung dafür eine völlig andere. Da genieße ich einfach nur die Gemeinsamkeit.
      Ansonsten wird das Leben nur auf bestimmte Ereignisse gekürzt. Schon wieder endet ein Schuljahr, 3x im Jahr Ferien, auf die Geburtstage freuen sie Kinder schon 6 Monate vorher. 😉 Auf einmal rast alles so.
      Aber wenn ein neuer Eintrag von dir vorhanden ist, dann schalte ich mitlerweile auf Stillstand. Ich lese ihn, manchmal auch zweimal und finde irgendwie in die Spur meines Lebens zurück. Das ist mein Yoga. 😉
      Danke.
      Ich wünsche Dir ein paar schöne sonnige Tage.
      Andreas

      • Lieber Andreas,
        ich bin überhaupt nicht eingeschlafen! Bin nur nicht jeden Tag am PC. 😉
        Es freut mich total, dass du meine Beiträge hier so gerne liest. Dass mit Kindern alles ein wenig anders ist, glaube ich dir sofort. Aber Gemeinsamkeit zu genießen ist ja auch etwas Wundervolles!
        Ganz liebe Grüße dir!
        Anna

    • Lieber Michel,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Tja, das scheint wohl tatsächlich ein Zeichen dafür zu sein, dass du dringend raus musst! 😉
      Hast du dir dafür inzwischen Zeit genommen?
      Ganz lieben Gruß
      Anna

  2. Liebe Anna,
    Vielen Dank für diesen Beitrag. Mir ist gerade klar geworden, dass ich in den vergangenen Monaten meine Zeit in der Natur nicht mehr bewusst genossen habe. Das wird sich wieder ändern.
    Ich hoffe, du konntest einen schönen Sonnenaufgang genießen.

    Liebe Grüße Nicole

    • Liebe Nicole,
      es freut mich sehr, dass ich dich erinnern konnte, mehr Zeit in der Natur zu verbringen!
      Ein klassischer Sonnenaufgang wurde es nicht, da es recht bewölkt war, aber es war trotzdem fantastisch! 🙂
      Ganz lieben Gruß
      Anna

  3. Hallo Anna,

    Hmmm 🙂 Ich habe gerade die Sonnwendfeuer aus meiner Kindheit vor Augen gehabt, den würzigen Geruch von Gras und Sommerregen. Leider gibt es hier in Norddeutschland keine Sonnwendfeuer/-feiern. Aber für mich ist diese Zeit auch immer eine zwiespältige, schöne. Man will noch so viel Sommer geniessen und weiß doch er wird langsam vergehen und dem Winter weichen. Aber was wäre, wenn wir diese Gegensätze nicht hätten. Sommer-Winter, Lachen-Weinen, Freude-Trauer, Angst-Zuversicht – alles wäre gleichförmig.
    Beide Seiten gehören zum Leben, daran wachsen wir.

    Viele Grüße
    Michaela

    • Hallo Michaela!
      Wie schade, dass es in deiner Nähe keine Sonnwendfeiern gibt. Vielleicht kannst du nächstes Jahr eins starten? Ich bin mir sicher, dass du nicht die Einzige wärst, die das toll fände! 🙂
      Ja, das Leben wäre ohne seine Gegensätze tatsächlich gleichförmig. Manchmal wünschen wir uns das angebliche Negative so sehr weg, dass wir völlig seinen Nutzen für uns vergessen. Gelegenheiten wie die Sommersonnenwende helfen einem dabei, sich daran zu erinnen! 🙂
      Ganz liebe Grüße
      Anna

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