Warum wir unseren Schatten brauchen

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Ich liebe es, gut gelaunt und voller Energie zu sein. Ich liebe es, meine gute Laune mit einem Lächeln an meine Mitmenschen weiterzugeben. Ich liebe es zu tanzen, zu singen, zu strahlen, zu hüpfen und damit voll im Flow zu sein. Das ist recht neu für mich – bis vor ein paar Jahren habe ich lieber meine deprimierte Schattenseite gelebt. Doch heute bin ich traurig, wütend und zweifle an allem. Und stelle fest, dass genau das mir gut tut: meine Schattenaspekte, meine Ängste, Zweifel und kreisenden Gedanken auszuleben. Nein, sie gehen niemals ganz weg. Und das ist auch gar nicht nötig. Denn wir brauchen sie ebenso wie unsere fröhlichen Anteile – um ganz Mensch zu sein.

Die Verwandlung hin zu einem positiveren Menschen…

… ist ein wahres Geschenk für mich gewesen. Das Leben ist so viel leichter, alles macht so viel mehr Spaß. Ich nehme die Dinge viel weniger ernst, Kritik trifft mich nicht mehr so wie früher und ich sehe all die wundervollen kleinen Dinge um mich herum, all die Wunder. Ich spüre tiefe Dankbarkeit dafür, hier sein zu dürfen und völlige Verbundenheit mit dem Leben und mit mir selbst. Diese Entwicklung ist für mich nach wie vor ein Wunder. Niemals hätte ich geglaubt, dass ich mich so verändern könnte, dass mein Denken von den ständigen Zweifeln und Ängsten auf Chancen und Möglichkeiten ausgerichtet sein würde.

Vielleicht befindest auch du dich gerade auf diesem Weg. Ich glaube nicht, dass es ein „Angekommensein“ gibt, was menschliche Entwicklung anbelangt. Aber vielleicht spürst auch du ganz deutlich den Unterschied zwischen dem Menschen, der du noch vor einer Weile warst und dem Menschen, der du nun bist. Dinge haben sich verändert, du beginnst, zu heilen. Alte Wunden schließen sich, du empfindest den Flow immer öfter, bist insgesamt zufriedener und haderst weniger mit dir selbst. Das können schon ganz kleine Schritte sein.

„Ich bin jetzt weiter als früher“

Wenn wir uns entwickeln und zurücksehen, dann geht damit automatisch eine Art von Abwertung gegenüber unserem früheren Selbst einher. Wenn ich mir anschaue, wie ich vor drei Jahren herumsaß und mich selbst bemitleidet habe, so ist das für mich eine „weniger weit entwickelte“ Version von mir selbst als jetzt. Wir bewerten – und das ist normal und auch wichtig. Wie sonst sollen wir schließlich Fortschritte messen?

Durch diese Abwertung wollen wir die „alten Anteile“ von uns nicht mehr bei uns haben. Sie nützen uns nicht mehr, wir haben gelernt, wie gut uns unsere neuen Verhaltensweisen, unsere neue Umgebung, Freunde und Interessen tun – und wollen uns nur noch damit beschäftigen. Alles, was alt ist, hat nicht mehr denselben Wert wie früher.

Dabei vergessen wir aber, dass wir Menschen sind und immer alle Anteile in uns tragen. Auch wenn wir noch so positiv sind, haben wir noch aggressive, ängstliche, unsichere und traurige Teile in uns. Das Schöne ist, dass wir nicht mehr ewig lang darin verbleiben müssen, weil wir einen Ausweg aus ihnen gefunden haben, aber der lautet oft genug: Verdrängung. Obwohl Wut, Angst, Unsicherheit oder Traurigkeit vielleicht vollkommen angemessen wären und es wichtig wäre, diese Emotionen in uns zu spüren.

Wenn uns diese Emotionen „von früher“ begegnen – z.B. bei Menschen in unserem sozialen Umfeld, so reagieren wir darauf oft stark abweisend. Für mich war es (und ist es immer noch) eine schmerzhafte Lektion, dass alles, worauf wir stark abweisend reagieren, immer mit eigenen Anteilen von uns zu tun hat. Da ist etwas, das angeschaut werden will. Immer und immer wieder.

Niemand kann ständig im Flow sein

Ich glaube, das ist etwas, das ich nach der ersten Euphorie lernen musste und gerade auch erneut lernen muss. Ich liege im Bett, während ich das hier schreibe. Mit Migräne. Draußen ist ein wunderschöner Tag und ich bin zu platt, um ihn genießen. Ich spüre, dass da Enttäuschung darüber ist, und ich habe das Gefühl, dass mein Körper mich im Stich lässt, ich ärgere mich über ihn. Aber da ist auch das Wissen, dass wir diese Phasen dringend brauchen. In denen wir in uns gehen, Dinge infrage stellen. Wenn wir ständig Vollgas geben, geht irgendwann unser Motor kaputt – auch, wenn wir das, was wir tun, noch so sehr lieben.

Eins weiß ich ganz sicher: Auch wenn es auf Facebook, Instagram und Co. so aussieht: Es gibt keinen einzigen Menschen da draußen, der die ganze Zeit gut drauf und voller Energie ist. Das sieht alles nur so aus. Es ist schlicht und einfach nicht möglich, weil wir vielfältige Wesen mit einer großen Bandbreite an Gefühlen, Emotionen und Energiephasen sind. Und vielleicht wirke ich auch ab und zu auf dich so, als wäre ich immer gut gelaunt. Das bin ich aber nicht. Seit gestern bin ich voller Selbstzweifel. Und so geht es uns allen.

Ich frage mich gerade, was der Sinn hinter alldem ist, was ich tue. Ich bin mir plötzlich völlig unsicher, ob dich das überhaupt interessiert, was ich hier schreibe und was das alles eigentlich bringt. Ich frage mich, ob ich letztlich doch einem Konzept von Erfolg hinterherjage. Ich fühle mich sehr einsam. Ich habe den Eindruck, dass mich niemand versteht. Ich bin traurig ohne ersichtlichen Grund. Und ich habe Angst davor, in alte Muster zurückzufallen, zu einem unglücklichen Menschen zu werden. Ich bin verletzt von einer Aussage eines Lesers, fühle mich dadurch persönlich herabgesetzt. Ich habe den Eindruck, dass ich stagniere, dass da gerade nicht viel in meinem Leben passiert und dass ich gerne ein Zeichen hätte, was ich als Nächstes tun sollte. Ich fühle Verzweiflung und Enttäuschung und auch Wut auf das Leben.

Wieso wir all diese Emotionen brauchen

Und weißt du was? Ich bin mir sicher: Wir brauchen diese Phasen und Emotionen ganz dringend. Wir brauchen die Tage, die wir ausschließlich im Bett verbringen und uns selbst bemitleiden. Wir brauchen Tage, an denen wir uns Tee bringen lassen und gleichzeitig unseren Partner anschreien, er solle uns in Ruhe lassen. Wir brauchen Zeiten, in denen wir alles infrage stellen und uns fragen, ob das, was wir tun, überhaupt einen Sinn hat. Denn wenn wir gerade voller Energie sind, die uns vorwärts schiebt, übersehen wir so vieles. Dauerhafte Begeisterung kann uns ausbrennen. Unser Fokus ist so sehr auf die Sache und auf das Ziel gerichtet, dass wir vieles um uns herum einfach nicht wahrnehmen.

Und um die unbequemen Sachen zu spüren, um zu sehen, ob die Richtung, die wir im Leben eingeschlagen haben, überhaupt die richtige ist, brauchen wir genau die Zeiten, in denen es uns „schlecht“ geht.

Ist dir schon aufgefallen, dass du aus genau diesen Phasen meist sehr erfrischt und voller Klarheit hervorgehst? Dass dein Flow umso stärker ist, je mehr du dir die Zeit für dich und die zweifel und „quälenden Gedanken“ genommen hast?

Es gibt kein Licht ohne den Schatten. Dieses Gesetz ist so alt wie das Universum selbst. Es gibt keine Energie ohne Stagnation, kein Schwarz ohne Weiß, kein Schön ohne Hässlich. Das alles gehört zum Leben dazu. Wir sind vielschichtige Wesen mit all diesen Anteilen, die gelebt werden wollen. Wenn wir sauer sind, dürfen wir sauer sein. Kein Gefühl ist besser oder schlechter als das andere. Wir brauchen sie alle. Wut lässt uns etwas, das uns als ungerecht erscheint, verändern. Trauer heilt und schließt Wunden. Verzweiflung lässt uns nach neuen Lösungen suchen. Angst sagt uns, dass etwas (noch) zu viel für uns ist.

Auch wenn wir nach außen hin als fröhlich oder energiegeladen wahrgenommen werden, heißt das nicht, dass wir nicht wütend oder zickig oder einfach nur blöd sein dürfen. Das dürfen wir und das müssen wir! Es gibt kein Perfekt, es gibt niemanden, der sich nicht mal kindisch und unreif und unüberlegt und unspirituell verhält. Wir alle sind genau deswegen so wundervoll! Weil wir keine Puppen sind, die immer ein Lächeln auf den Lippen haben. Weil wir Menschen sind mit jeder Faser unseres Körpers.

Und genau das macht uns doch so liebenswert. Das ist es doch, was das Leben spannend macht. Das ist es doch, was echte Tiefe in unseren Alltag bringt.

Ich werde mir jetzt die Decke über den Kopf ziehen – trotz schönstem Sommerwetter – und einfach nur vor mich hinjammern. Weil ich weiß, dass wir genau das manchmal brauchen.

Falls du Lust hast, noch ein wenig zu lesen, kannst du hier weitermachen:
Bringt deine Vergangenheit dich aus dem Flow?
Schluss mit Entwicklung, her mit den Chips!
Wieso uns immer wieder dasselbe begegnet

 

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4 Kommentare

  1. Hey Anna,
    gute Besserung 🙂 – hab zufällig deinen Blog entdeckt, da bei mir auch eher Einkehr statt Sonnegenießen angesagt ist. Der Artikel hat gut getan. Das Konzept der inneren Anteile hat mir auch sehr geholfen. Ist nicht immer angenehm, die eigenen gerade unerwünschten Anteile anzunehmen, aber wichtig. Und wer am Ende Regierungschef der Anteile ist, das ist dann ja noch eine andere Frage.

    • Hallo lieber Paul!
      Du glaubst gar nicht, wie sehr es mich freut, dass ich dir mit meinem Artikel ein wenig helfen konnte! Mir geht es durch das Schreiben auch schon besser. Es ist für mich einfach ein perfektes Ventil. Und die Migräne ist auch verschwunden. 😉
      Das mit dem Regierungschef finde ich toll ausgedrückt – da hast du vollkommen recht!
      Ganz liebe Grüße
      Anna

  2. Hi Anna,
    manchmal ist es witzig, bis fast erschreckend, dass Du zur gleichen Zeit ähnliche Gedanken hast wie ich. Ich habe erst vor einigen Tagen etwas Ähnliches aufgechrieben. Ich glaube für mich ist die „Lösung“, dass ich meine Social Media Zeit reduziere. Immer wenn ich mich mit anderen vergleiche, die scheinbar glücklicher, weiser, spiritueller und und und sind, dann zieht mich das in schwachen Phasen noch mehr runter. So nach dem Motto „die alle meistern ihr Leben, nur Du nicht“ Dabei hat jeder seine Schattenseiten und das ist auch vollkommen normal.
    Liebe Grüße
    Flamingo

    • Hallo lieber Flamingo,
      das mit Social Media ist tatsächlich ein zweischneidiges Schwert. Einerseits kann es sehr inspirierend sein, was man dort erfährt, aber andererseits vergleicht man sich mit Leuten, die ja schon weiter sind. Einerseits brauchen wir Vorbilder, andererseits kann es auch entmutigend sein, wenn wir scheinbar nie dort ankommen. Ich glaube, wir dürfen uns immer wieder bewusst machen, dass auch diese Vorbilder und sämtliche Menschen im Netz ihre Schattenseiten haben, diese aber nunmal nicht dort zeigen. Was irgendwie schade ist, denn so haben wir immer ein unvollständiges Bild von ihnen. Ich nehme mich da selbst nicht aus. Wenn uns Social Media mehr belastet als inspiriert, wird es Zeit, Abstand dazu zu nehmen. Das ist dann eine sehr gute Idee!
      Ganz liebe Grüße
      Anna

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