Welchem Stern folgst du?

Kurz vor Weihnachten habe ich einen Beitrag in der Zeitung gelesen, dessen Bild bei mir wirklich hängenblieb. Eine Pfarrerin schrieb über die symbolische Bedeutung des Sterns in der Nacht, als Jesus geboren wurde. Die Autorin stellte am Ende die Frage: Welchem Stern folgen wir eigentlich? Was leitet uns? Was treibt uns an? Was gibt unserem Leben Sinn und Bedeutung? Jetzt ist Weihnachten schon ein Weilchen her, ich habe meinen Stern während dieser Zeit (und knallharten Rückzug vom Weihnachtstrubel) tatsächlich gefunden und bin ihm seither gefolgt. Aber jetzt, ein paar Monate später, merke ich, dass es manchmal nicht ganz leicht ist, den Kurs zu halten und dass ich mich immer wieder daran erinnern muss, in welche Richtung es für mich geht. Und während ich darüber nachsinne, stelle ich dir direkt diese Frage: Welchem Stern folgst du?

Unser Alltag fordert uns manchmal so sehr, dass wir von Tag zu Tag leben, ohne uns so recht Gedanken zu machen, wieso eigentlich. Wenn wir uns diese Frage aktiv stellen, kann es sein, dass sie uns so hart trifft, dass wir in eine Krise hineinfallen. Plötzlich stehen wir da und fragen uns, was wir all die Jahre über eigentlich gemacht haben, welchem Stern wir eigentlich gefolgt sind. Dabei kann durchaus herauskommen, dass wir meinten, dem richtigen Stern zu folgen, der sich aber letztendlich als unbedeutend entpuppt hat. Oder aber uns wird klar, dass wir keinen Stern vor uns sehen. Dann haben wir vielleicht das Gefühl, unser Leben bricht völlig auseinander und kehrt sich um. Wir wissen nicht mehr, wo oben und unten ist und haben keinerlei Orientierung. Vielleicht hast du diese Krise bereits hinter dir, vielleicht bist du mittendrin, womöglich spürst du auch ein eher latentes Gefühl von „irgendwas stimmt  nicht ganz“, eine Krise hat sich daraus aber noch nicht entwickelt. Und das muss sie auch nicht, wenn wir uns rechtzeitig im Leben die Frage nach unserem Leitstern stellen.

Was ist der Stern eigentlich?

Ich will hier den Begriff  „Sinn des Lebens“ eigentlich gar nicht aufführen, er ist so schwer und belastend und ich assoziiere ihn mit ewigem Nachdenken. Der „Stern“ ist für mich hingegen frisch und neu – er ist mehr eine Orientierung als ein Muss, es handelt sich mehr um Ideen als um Ziele und er ist immer mit Leichtigkeit anstatt mit Schwere verbunden. Durch das Folgen dieses Sterns verleihen wir unserem Leben eine tiefe Bedeutung.

Lass mich dir das noch näher erklären, um Missverständnisse zu vermeiden. Es mag sein, dass du Ziele und Träume in deinem Leben hast. Mein Ziel war es immer, einen Roman zu schreiben und zu veröffentlichen. Ich dachte, dass sei es, was ich bin. Eine Autorin. Wenn ich das nicht schaffe, versage ich. Ich habe ihn geschrieben, aber mit dem Veröffentlichen klappt es leider nicht. Und erstaunlicherweise war mir das noch nie so egal wie gerade – weil sich mein Fixpunkt im Leben verlagert und verbreitert hat. Wenn wir sagen, wir wollen x und y, dann halten wir oft so krampfhaft daran fest, dass sich all unser Leben nur noch darum dreht. Das kann alles Mögliche sein: eine bestimme Summe auf dem Konto, eine hohe Position in der Firma, ein Eigenheim, der perfekte Partner, ein Reisetraum oder eben ein verlegtes Buch. Dabei verlieren wir völlig aus den Augen, warum wir das eigentlich wollen.

Warum wollen wir etwas?

Mir ist aufgefallen, dass mein heimlicher Berufswunsch immer Schriftstellerin war, weil es mir die Möglichkeit gab, vor meinem Leben zu fliehen. Natürlich habe ich Freude am Schreiben und an Worten, ich kann mich gut in andere Menschen hineinversetzen und denke, dass diese Empathiefähigkeit meine Romanfiguren sehr glaubhaft wirken lässt. Aber als ich mich in meinen Roman hineinstürzte, wollte ich dadurch vor allem vor der Welt fliehen, die mir so viel Angst machte. Während dieser Zeit war ich am absoluten Höhepunkt meiner Unsicherheit, mein Selbstbewusstsein lag quasi bei null und ich hatte Angst vor allem. In meinem Roman hingegen konnte ich in eine Welt eintauchen, in der das alles nicht mehr existierte. Ich hatte „meine Ruhe“ vor der Welt da draußen und erschuf dadurch etwas Wundervolles. Ich lernte, dass meine Finger die Geschichte von ganz alleine schrieben, wenn ich sie nur ließ. Ich erlebte den Passionflow. Doch gleichzeitig musste ich mich dadurch der Welt nicht stellen und konnte meine Ängste verdrängen.

All das ist inzwischen nicht mehr nötig. Ich liebe mein Leben in all seinen Facetten und ich will aktiv daran teilnehmen. Je größer dieser Wunsch in mir wurde, desto weniger „Zeit“ hatte ich für mein Buch. Gut, ich hatte den Großteil der Geschichte während meiner Arbeitslosigkeit geschrieben, aber eigentlich sollte mich ein Teilzeitjob nicht daran hindern, noch mehr Romane „rauszuhauen“. Nur habe ich irgendwie das Interesse daran verloren. Das zuzugeben, ist für mich nicht ganz einfach und es fühlt sich an, als würde ich meinen Traum und somit mich selbst verraten. Aber das tue ich nicht, denn ich habe verstanden, dass mein Stern viel weniger konkret ist und sehr viel mehr andere Tätigkeiten einschließt.

Der Stern ist nicht an Ziele, Träume oder bestimmte Vorstellungen gebunden

Mein Wort, das ich mir für dieses Jahr ausgesucht habe (oder hat es mich ausgesucht?), ist schlicht und einfach Liebe. Eigentlich war es schon immer Liebe und es wird immer Liebe sein. Klischeehaft? Vielleicht. Einfach? Ziemlich. Inspirierend? Sowas von! Mein Stern ist die Liebe, so einfach ist das. Ich will ihr in jeder Lebenslage folgen. Weißt du, was das Fantastische daran ist? Dass ich alles in meinem Leben, jede Tätigkeit, nutzen kann, um das zu tun. Ich bin nicht länger an bestimmte Ziele, Träume und Vorstellungen gebunden, ich muss nicht mehr frustriert sein, wenn das mit meinem Roman nicht klappt oder wenn ich niemals nach Neuseeland reisen kann. Solange ich der Liebe folge, ist alles in Ordnung. Solange ich auf Kurs bin, hat mein Leben eine tiefe Bedeutung.

Ich habe immer mehr den Eindruck, dass wir uns im „Was“ verfangen. Wir haben so viele Möglichkeiten, Dinge zu tun, Erlebnisse anzuhäufen – und das machen wir auch -, das wir manchmal glauben, das sei die Bedeutung des Lebens: die Anhäufung von Erlebnissen. Wir stellen uns vor, dass wir am Ende unseres Lebens auf all diese Erlebnisse zurückblicken können und dann sehr zufrieden mit uns sind. Aber glaubst du, das sind wir wirklich, wenn diese Erlebnisse hohl und bedeutungslos bleiben? Wenn es nichts gibt, das sie alle zusammenhält und verbindet? Wenn wir dabei nicht das Gefühl haben, zu wachsen und zu lernen? Ich finde, uns fehlt so oft das „Wie“. Wie gehe ich eine Reise an? Genieße ich neue Orte mit allen Sinnen oder düse ich um die Welt und mache so viele Fotos wie möglich, um sie dann auf Instagram zu stellen? Bin ich in der Lage, eine halbe Stunde lang die Abendsonne auf mein Gesicht scheinen zu lassen, voller Dankbarkeit, oder will ich schon ungeduldig auf zur nächsten Tätigkeit? Wo ist der Sinn, die Bedeutung hinter den Dingen, die ich tue? Wo ist mein Stern? Was führt mich? Wo ist mein roter Faden?

Ich weiß, das sind ziemlich „schwere Fragen“, die ich dir heute stelle. Aber glaube mir, du musst sie für dich beantworten. Die Antwort kann dabei völlig anders ausfallen, als man vielleicht erwartete. Vielleicht ist dein Stern der Flow, vielleicht ist das, was alles zusammenhält, lediglich, den jetzigen Moment zu genießen. Vielleicht ist dein Stern Mitgefühl – anderen, aber auch dir selbst gegenüber. Oder aber Freude und Spaß am Leben. Denke daran: Der Stern ist eher groß als klein, eher weit als eng. Er gibt dir ein Gefühl von Weite und Leichtigkeit anstatt von Enge und Schwere.

Ich bin mir sicher, dass wir alle aus einem ganz bestimmten Grund hier sind. Der muss nicht  „Ich muss Yogalehrer werden und tollen Unterricht geben“ sein, er ist viel weiter und niemals auf eine einzige Tätigkeit, auf „die Berufung“ beschränkt. Wenn ich mir meinen Stern, die Liebe, ansehe, dann gibt es für mich soooo viele Möglichkeiten, sie zu leben. In meinem Alltag kann ich Menschen meine Hilfe anbieten oder sie einfach nur freundlich anlächeln. Und ja, ich kann Yogalehrerin werden – das ist sicher eine wundervolle Möglichkeit, mehr Liebe in diese Welt zu bringen. Allerdings kann ich das auch tun, indem ich hier einen Beitrag schreibe oder liebevolle Kinder zur Welt bringe. Ich weiß: Wenn ich der Liebe folge, findet sich immer genau der richtige Weg für mich. Und der wird mich vielleicht völlig überraschen. Ich möchte die Liebe für mich selbst erweitern und sie dann in die Welt bringen. Das ist mein Wunsch. Wie genau das nun passiert, welche Dinge das umfasst, ist mir inzwischen völlig egal. Da folge ich einfach dem, was mir Freude macht und Leichtigkeit bringt. Ich halte mich an die Menschen, die mein Herz zum Singen bringen und tue die Dinge, die mich glücklich machen.

Dass das nicht immer klappt, ist okay. In der letzten Woche bin ich ziemlich in ein „Funktionieren“ gerutscht und habe meinen Stern ein wenig aus den Augen verloren. Aber ich merke das inzwischen recht schnell, wenn mir die Bedeutung fehlt und ich nur noch dabei bin, Dinge zu erledigen. Klar, müssen wir das auch mal tun, ich glaube nicht, dass wir das jemals gänzlich vermeiden können, aber uns immer wieder daran zu erinnern, welchem Stern wir folgen, ist meiner Meinung nach essentiell.

Wenn du jetzt ein Gefühl der Schwere hast, wenn du deprimiert bist, weil du deinen Stern scheinbar nicht finden kannst, dann suchst du nur nach einem weiteren Ziel und hast die Dinge im Kopf, die die Gesellschaft als wünschenswert betrachtet. Oder aber du fühlst gerade die Schwere der Bedeutungslosigkeit deines Lebens. Das wird vorübergehen, das verspreche ich dir. Habe Geduld mit dir selbst, erforsche dich und deine Beweggründe für jede deiner Handlungen gründlich. Versinke dabei nicht im Grübeln, sondern richte deinen Fokus auf das, was dir leichtfällt. Was ist es, was all das zusammenhält? Welchem Stern folgst du?

Kennst du deinen Stern oder hast du vielleicht eine Ahnung, in welche Richtung er dich führen könnte? Oder hast du dir darum noch keine Gedanken gemacht? 

Foto: Unsplash  

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8 Kommentare

  1. Liebe Anna,
    ich danke Dir für diesen wunderbaren Text!
    Zur Zeit durchlebe ich eine schwierige Lebensphase, doch bin ich sicher, diese gut und sicher hinter mir lassen zu können, denn alle Nicklichkeiten, Hürden und Unsicherheiten, die damit verbunden sind, werden begleitet und schließlich aufgewogen durch die Liebe, die ich inzwischen als Basis allen Seins und Handelns erkannt habe.
    Es dauerte lange bis ich begriffen habe, dass Liebe auch unschöne, unpopuläre Entscheidungen beinhalten kann – und habe noch immer Probleme, diese Erkenntnis zu „schlucken“.
    Unser Stern, unser Schatz oder wie auch immer wir das nennen, was uns (auch unbewusst) führt, ist stets mit uns und lässt uns nicht allein – manchmal dauert es halt ein bisschen bis wir ihn entdecken.

    • Liebe Kerstin,
      wie wundervoll, dass du auch in einer schwierigen Lebensphase deinen Stern noch so deutlich sehen kannst. Ja, die Liebe ist wohl tatsächlich die Basis. Es wird viel über sie geredet, aber ich glaube, dass nur wenige sich auf den Weg machen, sie wirklich zu ergründen. Ich wünsche dir von Herzen, dass du diese Erkenntnis niemals verlierst und dass sie dich durch alle Höhen und Täler deines Lebens begleitet!
      Ganz liebe Grüße dir!
      Anna

  2. Hallo liebe Anna,
    Ich beschäftige mich gerade mit deinem neuen Artikel. Bin immer wieder begeistert von deinen persönlichen Erfahrungen und Ansichten.
    Es ist für mich sehr schön deinen Gedanken zu folgen. Es inspiriert mich sehr, was ich da so von dir lese.
    Auch diese schöne Vorstellung von dem Stern, der einen leitet.
    Ich habe auch so einen Stern, ich nenne ihn den Sonnenschein!
    Es ist so toll mit einem Stern zu leben. Jeder sollte einen haben, finde ich.
    Da wäre alles leichter und fröhlicher. Da würde ganz viel verbissenes Strebens und Enttäuschung wegfallen. Wir hätten nicht so oft das Gefühl des Scheiterns.
    Danke für deine liebevolle Arbeit und ich freue mich auf viele weitere Artikel von dir.

    Herzlichst Sabine

    • Hallo liebe Sabine,
      Sonnenschein, das klingt wirklich fantastisch! Und erinnert mich daran, dass der Sonnenschein ja immer da ist, auch wenn wir ihn nicht sehen, weil er gerade von Wolken verdeckt wird. Vielen Dank dir für deine lieben Worte über meine Artikel – es ist sehr schön zu lesen, dass sie dich erreichen und dir etwas Schönes geben können. 🙂
      Alles Liebe dir!
      Anna

  3. Danke liebe Anna für Deinen Anstoß zu inneren Einkehr.

    Ich bin gerade nach zu vielen Verletzungen hart am Kämpfen um in der Liebe zu bleiben.
    So folge ich im Moment mehr dem Stern der Ruhe, um durch ihn wieder in die Lebendigkeit zu gelangen. Und hoffe mein Herz bald wieder weit offen tragen zu können. Irgendwie spielt mein Ego verrückt, und ich bin zur Zeit nicht mächtig genug, um es besänftigen zu können.
    Ja vielleicht finde ich ja hinter dem Stern der Akzeptanz den Stern der Liebe wieder.
    Komisch, kurz nachdem ich die Antwort auf Deinen letzten Beitrag geschrieben hatte, fing es an in mir zu toben. Kann die innere Stärke schwinden, in dem man darüber schreibt?

    Alles Liebe,

    Martin

    • Lieber Martin,
      das Ego wehrt sich dann am meisten, wenn es sich in Gefahr sieht, wenn es das Gefühl hat, kurz davor zu sein, aufgelöst zu werden. Wenn du schafft, hier hindurchzugehen und diese Gefühle auszuhalten, kommst du ziemlich bald „auf der anderen Seite“ heraus, wo du ganz klar siehst, dass das, was es dir versucht hat, vorzumachen, schlicht und einfach nicht wahr ist. Das ist dann Heilung. Dieses Toben aushalten und beobachten. Du beobachtest es ja schon sehr bewusst, deswegen spüre ich, dass dir die Klarheit ganz kurz bevorsteht. Gib jetzt nicht auf! 🙂
      Ganz liebe Grüße
      Anna

  4. Mir fiel beim Lesen Deines Beitrages das Gedicht „Genius Astri“ von Manfred Kyber aus dem gleichnamigen Gedichteband ein (hier: https://books.google.com.uy/books?id=SMxbDQAAQBAJ&pg=PA6&lpg=PA6&dq=kyber+genius+astri+h%C3%A4upten&source=bl&ots=u7CbNIRbV8&sig=wcB2T9LRT03MwKSePHoJ1_SYAV8&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiRy7L3uf7SAhUHvZAKHV7hAv0Q6AEIHjAB#v=onepage&q=kyber%20genius%20astri%20h%C3%A4upten&f=false). Wobei ich die letzte Strophe symbolisch verstehen möchte.

    Herzliche Grüße
    A.

    • Hallo A.!
      Vielen lieben Dank für das wunderschöne Gedicht. Ich denke, die letzte Strophe ist für viele Menschen leider wahr. Denn es gelingt ihnen erst dann, ihren Kern zu erblicken. Spätestens dann. Aber lieber früher. 😉
      Ganz liebe Grüße
      Anna

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