Wie können wir mit Leid umgehen?

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So lange wir leben, werden wir immer mit Leid konfrontiert werden, auch wenn wir noch so positiv eingestellt sind. Niemand von uns kann alt werden, ohne mitzuerleben, wie geliebte Menschen gehen müssen. Das Leid gehört zum Leben dazu, auch wenn wir es so oft nicht wahrhaben wollen. Doch tief in uns wissen wir es, dass wir früher oder später damit konfrontiert werden. Und dann werden wir vor die Wahl gestellt, wie wir damit umgehen, wie wir es betrachten, ob wir vielleicht sogar einen Sinn darin erkennen können und ob es uns vielleicht sogar gelingen kann, gestärkt daraus hervorzugehen.

„Und plötzlich riss das Wasser alles fort“

Ich wohne etwa 15 km von Braunsbach entfernt – jenem Ort, an dem das Unwetter in der Nacht auf Montag am heftigsten zugeschlagen hat; jenem Ort, der idyllischer und friedvoller kaum sein könnte und der jetzt vollkommen zerstört ist und dadurch leider bundesweit traurige Berühmtheit erlangt hat. Natürlich passieren überall auf der Welt schlimme Dinge, aber wenn man noch vor einigen Tagen dort gewesen ist und Menschen kennt, die alles verloren haben, nimmt es einen doch besonders mit. Das Leid ist plötzlich ganz nah, ich konnte es beinahe mit Händen greifen, obwohl auch ich nur die schrecklichen Bilder gesehen habe.

Meine Meditation sah gestern morgen anders aus als sonst. Meine Gedanken gingen zu jenen Menschen, die nun vor ihren zerstörten Häusern stehen. Eine Art Gebet formte sich in meinem Kopf, obwohl ich schon seit sehr vielen Jahren nicht mehr gebetet habe. Ich wünschte den Menschen nicht nur, dass sie die nötige Unterstützung erhalten und dass ihr schönes Dorf wieder so wird wie früher, sondern ich wünschte ihnen vor allem, dass sie in all dem Schrecklichen Hoffnung finden können. Ich wünschte ihnen, dass sie gestärkt daraus hervorgehen können, auch wenn das jetzt für sie vermutlich noch kaum vorstellbar ist. Ich wünsche ihnen, dass sie erkennen können, was im Leben wirklich wichtig ist und dass sie in der Lage sein können (werden), auf irgendeine Art sogar dankbar dafür zu sein.

Wo hast du Leid erlebt?

Ich weiß, das klingt nach hartem Tobak. Ich selbst war nicht dort, ich habe nicht miterlebt, wie zwei unscheinbare Bäche tsunamiartig anschwollen und alles mit sich rissen. Ich habe das Chaos nicht mit eigenen Augen gesehen, das dort jetzt herrscht, ich habe nicht mit den Menschen um das geweint, was sie verloren haben.

Aber ich habe Phasen in meinem Leben erlebt, in denen ich überhaupt keinen Sinn mehr sah, weiterzumachen. Ich habe Tage gehabt, an denen ich mir wirklich wünschte, zu sterben, an denen alles über mir zusammenbrach und ich keinen Ausweg sehen konnte. Die Ursachen für Leid sind vielfältig: Tod, Naturgewalten oder die eigene Psyche. Ich kenne die Gefühle. Und ich wünsche sie niemandem. Aber ich weiß auch: Ohne sie wäre ich nun nicht die Person, die ich heute bin. Und aus diesem Standpunkt heraus kann ich dankbar für sie sein.

Aus dem tiefsten Schlamm erblüht der Lotus

Aus diesem Zustand des unsäglichen Leids, den man beinahe nicht aushalten kann; an dem Punkt, an dem man alles tun würde, damit es aufhört, geschieht etwas: Das Leben verwandelt sich. In allem Hässlichen, Schrecklichen und Grausamen steckt eine Kraft, die wir ihm gar nicht zutrauen. Wir können genau an diesem Punkt sehen, dass wir uns dafür entscheiden können, nicht weiter zu leiden. Wir können uns dafür entscheiden, unseren Blickwinkel vom passiven Opferdasein zum aktiven Tun hinzuwenden. Und ich habe den Eindruck, dass genau das auch gerade in Braunsbach geschieht.

In den Interviews sind die Menschen dankbar für das, was sie noch haben und dafür, dass auf wundersame Weise niemand bei dieser Katastrophe ums Leben gekommen ist. Schon jetzt ist die Rede davon, dass das Dorf zusammengewachsen ist und dass die Gemeinschaft der Menschen stärker sein wird als je zuvor. Auch die Hilfsbereitschaft um mich herum ist unglaublich. Die Menschen bringen den Helfern belegte Brötchen und Getränke, sie spenden Kleider, Lebensmittel und Hygieneartikel, sie bieten ihre Häuser an, damit diejenigen, die keine Unterkunft mehr haben, dort wohnen können. Die Kraft, die aus alldem schon jetzt erwächst, ist einfach unvorstellbar und berührt mich zutiefst.

In meinem Gebet, das ich am „Tag danach“ in Gedanken an die Menschen geschickt habe, scheine ich gewusst zu haben, dass unsägliches Leid sie transformieren wird. Denn ich habe es selbst erlebt. Aus dem Allerschlimmsten entsteht plötzlich das Wunderschönste. Aus dem tiefsten Schlamm erblüht der Lotus.

Es gibt einen Sinn hinter allem. Auch wenn wir ihn nicht sehen können.

Und genau diese Gewissheit macht es uns möglich, mit Leid umzugehen. Wenn wir es selbst erlebt haben oder bei anderen beobachten, welch unglaublich transformative Kraft die tiefsten Krisen haben, werden wir nie wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und uns aufgeben wollen. Denn dann wissen wir, dass diese Phase vielleicht kommt, dass sie aber nicht von Dauer sein wird. Selbst in der schlimmsten Trauer werden wir einen Funken in uns spüren, der uns sagt, dass auch das vorübergehen wird. Und dass es irgendwo seinen Sinn erfüllt haben wird.

Das ist bei großen Katastrophen, die viele Opfer fordern, natürlich nicht so einfach. Oft genug verstehen wir nicht, warum sie geschehen müssen. Ich stelle mir die Welt dann als ein großes, lebendiges System vor, das weiß, dass es sich nur entwickeln kann, wenn Leid geschieht. Und wenn alles eins ist, wenn der Tod für uns zum Leben dazugehört und wir ihn nicht aus unserem Leben verbannen und verdrängen, dann fällt es uns leichter, damit umzugehen.

Ich glaube: Die Natur macht keine Fehler. Alles ist genauso, wie es sein soll. Wir sind genau in der Situation, in der wir sein sollten, auch wenn wir es (noch) nicht wahrhaben wollen. Aber diese Situation ist genau das, was wir brauchen, um uns zu entwickeln.

Und wenn du jetzt tief im Leid steckst, dann solltest du dir das bewusst machen, was nicht nur ich, sondern auch so viele Menschen auf der Welt bereits erfahren haben: Genau ab hier verwandelt sich alles. Du musst nur noch ein wenig durchhalten. Es lohnt sich.

Wie gehst du mit Leid um? Kannst du seine transformative Kraft sehen oder fällt dir das noch schwer?

Die transformative Kraft von Krisen beschreibe ich auch in meiner Artikelreihe „Wie du Krisen erfolgreich bewältigst“:

Teil 1: Wieso brauchen wir Krisen?
Teil 2: Wieso Klarheit?
Teil 3: Wie geht es weiter?

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2 Kommentare

  1. Liebe Anna,
    ich sehe das genauso wie du: die Natur macht keine Fehler. Ich glaube, dass alles einen Zusammenhang hat, egal um welche Beziehung und um welches Ereignis es sich handelt. Das Sichtbare und das Unsichtbare ist alles miteinander verwurzelt. Alles hat seine Zeit und alles hat seine Stunde.
    Ich denke unser Geist ist viel zu begrenzt, um diese Dimension wirklich erfassen zu können, aber wir können versuchen, durch das Vertrauen, dass alles einen Sinn hat, die Dinge leichter anzunehmen. Sie sind, wie sie sind. Manche Ereignisse sind unsagbar schlimm und doch ist es ein Ereignis in der Kette, das zu irgendetwas gut ist.
    Mir gibt diese Vorstellung Kraft und Vertrauen. Ich kann mir das Leid „erklären“ und breche nicht vor dieser gefühlten Grausamkeit zusammen. Alles wandelt sich und aus jedem Leid erwacht eine große Kraft.
    Alles Gute dir
    Deine Bettina

    • Liebe Bettina,
      vielen Dank dir für deinen wundervollen Kommentar! Es tut gut, zu lesen, dass nicht nur ich schlimme Ereignisse so sehe. Manchmal fürchte ich, meine Sichtweise könnte von den betroffenen Personen als Hohn aufgefasst werden – das hätte ich vor einigen Jahren vermutlich auch getan. Aber wir lernen. Zum Glück. 🙂 „Alles hat seine Zeit“ – das hast du sehr schön gesagt. Das Leid hat seine Zeit, aber auch die daraus entstehende Kraft. Das wünsche ich den Menschen, die Leid erfahren haben oder immer noch erfahren.
      Ganz liebe Grüße
      Anna

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