Wir alle wissen es, doch kaum jemand spricht darüber. Unsere Persönlichkeit besteht nicht nur aus Licht und Liebe. Nein, es gibt Ecken in uns, die wir am liebsten nicht hätten. Dinge, Ereignisse, Gedanken, die wir in eine dunkle Ecke unserer Seele schieben. Es ist sehr mühsam, das zu tun, doch wir sind so verdammt gut darin geworden, dass wir  sogar vergessen, dass da etwas ist. Ein Teil von uns muss dauerhaft Kraft dafür aufwenden, die Tür geschlossen zu halten. Doch es wäre schmerzvoller, dieses Etwas im Dunklen anzusehen. Es könnte uns zerstören. Oder? Ich glaube: Es könnte uns heilen.

Sie spricht nicht darüber, dass…

sie sich nicht nackt im Spiegel ansehen kann, weil sie sich ekelt. Er spricht nicht darüber, dass er sein Kind während eines Wutanfalls geschlagen hat. Sie spricht nicht darüber, dass sie vom eigenen Vater missbraucht worden ist. Er spricht nicht darüber, dass er damals versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Sie spricht nicht darüber, dass sie jeden Tag Angst davor hat, aus dem Haus zu gehen. Er spricht nicht darüber, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Sie spricht nicht darüber, dass sie Fantasien hat, in denen sie andere verletzt. Er spricht nicht darüber, dass er süchtig ist nach Pornografie. Sie spricht nicht darüber, dass die Eifersucht sie fast auffrisst. Er spricht nicht darüber, dass er nach der Arbeit zu seiner Kollegin nach Hause geht. Sie spricht nicht darüber, dass sie sich nach jedem Essen den Finger in den Hals steckt. Er spricht nicht darüber, dass er nächtelang weint. Sie spricht nicht darüber, dass sie keinen Orgasmus haben kann.

Niemand von ihnen spricht darüber. Aus Angst vor Verurteilung. Weil sie wissen: Das, was sie tun/denken/glauben ist falsch. Es ist die Scham, die ihnen immer wieder sagt: “Du bist falsch. Lass es niemals jemanden herausfinden. Wenn es jemand erfährt, wird dich niemand mehr lieben. Du bist nicht liebenswert.”

Die Scham sagt: “Ich bin falsch.”

Diese Aussage ist so schlimm, dass sie unsere gesamte Identität bedroht. Wenn wir sie uns immer und immer sagen würden, würde sie uns zerstören. Und die Realität ist, dass sie es auch tut. Etwa 10 000 Menschen nehmen sich in alleine in Deutschland jährlich das Leben. Scham ist lebensgefährlich. Und deswegen tun wir alles, um sie nicht zu fühlen. Verdrängung ist ein Selbsterhaltungsmechanismus. Wir tun alles, um die Tür zu unseren Schatten verschlossen zu halten. Manchmal erfordert das so viel Energie, dass wir das Leben nur noch gedämmt wahrnehmen können. Wir wagen uns nicht mehr in die Tiefe des Glücks aus Angst, versehentlich in die Tiefe der Schatten zu geraten. Denn das Glück kann einem genommen werden und ins Gegenteil umschlagen. Das ist der Grund, weshalb sich so viele Menschen mit einem Leben zufrieden geben, das “ganz okay” ist. Sie wissen: Auf dem Weg in ein besseres Leben werden sie irgendwann zwangsläufig ihren Schatten begegnen.

Eine weitere Flucht: Die “Happy-Blase”

Manchmal verdrängen wir aber auch diese Ahnung. Von so vielen wird uns versprochen oder vorgelebt, dass ein geiles Leben möglich ist. Dass wir alles haben können. Dass wir ständig glücklich sein werden, wenn wir nur X,Y und Z machen. Und wir glauben ihnen, wir gehen den Weg, folgen ihm manchmal viele Jahre, besuchen Seminar für Seminar, lesen alle Bücher, lieben alle Menschen. Wir bauen uns unsere “Happy-Blase”, vertrauen dem Leben und dem Universum. Alles ist so schön! Alles ist voller Liebe und Licht!

Und dann passiert etwas, das eigentlich nicht hätte passieren dürfen. Wir fallen tief und schmerzvoll und so richtig auf die Fresse. Wir erleben ein Trauma. Tod. Krankheit. Werden verlassen. Arbeitslos. Wir verstehen die Welt nicht mehr, plötzlich ist da all die Panik, die vorher nicht da war, plötzlich sehen wir keinen Sinn in allem und vertrauen dem Leben nicht mehr. Plötzlich ist alles anders. Dabei waren wir doch so positiv! Wieso gelingt uns das nicht mehr? Warum können wir nicht einfach wieder das Licht sehen? Wir wollen zurück in unsere Happy-Blase, doch wir schaffen es nicht mehr.

Drei Möglichkeiten

Es ist genau das passiert, was jene Menschen befürchten, die sich gar nicht erst in die Happy-Blase begeben. Wir sind abgestürzt und nun stehen wir vor unseren Schatten. An dieser Stelle haben wir drei Möglichkeiten: 1. Wir werden zynisch und verbittert, 2. Wir tun so, als seien wir noch in der Happy-Blase oder 3. Wir stellen uns unseren Schatten, integrieren sie und spüren unsere Ganzheit auf einem völlig neuen Level.

Denn ja, Nr. 3 ist genau das, wenn wir uns an dieser Stelle im Leben mit dem auseinandersetzen, was wir all die Zeit über verdrängt haben. Und ganz ehrlich? Nr. 1 ist keine schöne Möglichkeit und Nr. 2 funktioniert nur so lange, bis wir wieder auf die Fresse fallen. Und das wird nicht lange dauern.

Die Lektionen hinter den Schatten

Auch wenn es schwerfällt, das zu glauben, sind unsere Schatten sehr viel weniger furchteinflößend, wenn wir sie ansehen. Wir stellen sie uns womöglich als grausige Monster vor, aber in Wirklichkeit wollen sie uns nur helfen. Sie alle haben eine besondere Funktion, die es gilt, herauszufinden. Wenn wir unsere Schatten verstanden und angeschaut haben, verlieren sie die Macht über uns. Wir können sie gefahrlos und liebevoll annehmen und als Teil von uns akzeptieren. Denn das sind sie. Ein Teil von uns, auch wenn wir es so oft vergessen. Sie alle bergen eine wertvolle Lektion.

Von der Wut können wir lernen, für uns und für andere einzutreten. Sie trägt die Energie der Veränderung, wenn wir ihr nur wirklich zuhören.

Von der Angst lernen wir, dass es Dinge gibt, die wir besser vermeiden sollten. Mit ihrer Hilfe können wir sogar herausfinden, welche Ängste sinnvoll sind und welche wir langsam auflösen dürfen.

Von der Traurigkeit lernen wir, dass wir lieben können. Denn das, was wir einfach und schnell loslassen können, war für uns auch nicht wertvoll. Wir lernen auch, neu zu beginnen.

Und von der Scham lernen wir, dass auch wir einen Anteil an etwas haben. Dass wir uns entscheiden können, Verantwortung zu übernehmen und unser Handeln oder unsere Sichtweise zu verändern.

Wenn uns das gelingt, hebt es uns auf ein neues Level unseres Seins und lässt uns gleichzeitig angstfrei in die Tiefe absteigen.

Wir werden mehr wir selbst

Durch an Ansehen der Anteile in uns, die wir nicht sehen wollen, werden wir ein Stück mehr wir selbst. All die Energie, die wir vorher dafür benutzt hatten, die Tür zuzuhalten, wird frei und darf ungehindert in unserem und durch unseren Körper fließen. Sie verbindet sich mit dem Fluss und der wunderschönen Polarität des gesamten Lebens und lässt uns aufatmen. Wir erleben Flow. Es ist wie ein Nach-Hause-Kommen zu uns selbst. Wir seufzen auf. Endlich brauchen wir keine Angst vor dieser Ecke in uns haben. Endlich dürfen die Schatten sein.

Endlich fühlen wir uns ganz.

 

 

***Wenn du dich bereit fühlst, den Weg der Schatten zu gehen, wenn du spürst, dass die Happy-Blase nicht genug ist, wenn du merkst, dass da mehr sein muss, aber nicht weißt, wo du beginnen sollst: Ich bin für dich da. Ich nehme dich an die Hand und zeige dir deine eigene Ganzheit. Schreib mir: anna(at)passionflow.de***

 

 

4 Kommentare
  1. Petra
    Petra sagte:

    Der Bericht ist sehr authentisch und trifft mitten ins Schwarze. Die Gefühle zuzulassen, sie anzuschauen. Sich selbst so lieben wie man eben ist,das ist der Schlüssel zum Glück 🍀

    Antworten
    • Anna
      Anna sagte:

      Liebe Petra,
      danke dir von Herzen für deine Worte. Ja, wenn man sich selbst liebt und akzeptiert, findet man sich auf einer sehr tiefen Ebene von Glück wieder – jenseits des ewigen “Gute-Laune-Grinsens”, sondern in einem Glück, das man einfach im ganzen Körper spürt.
      Ganz liebe Grüße dir!
      Anna

      Antworten
  2. Peter Kraus
    Peter Kraus sagte:

    Hallo liebe Anna,
    wieder ein wertvoller Beitrag, vielen Dank!
    Besonders diese Feststellung finde ich sehr wichtig:
    „Eine weitere Flucht: Die “Happy-Blase”
    Manchmal verdrängen wir aber auch diese Ahnung. Von so vielen wird uns versprochen oder vorgelebt, dass ein geiles Leben möglich ist. Dass wir alles haben können. Dass wir ständig glücklich sein werden, wenn wir nur X,Y und Z machen. Und wir glauben ihnen, wir gehen den Weg, . . .“
    Das musste einmal in dieser Deutlichkeit gesagt werden. Ich kann es auch nicht mehr hören, was alles versprochen wird. Und vor allem finde ich es traurig, wie man den Leuten das Geld aus der Tasche zieht mit diesen tollen Seminaren!
    Mach weiter so!
    Liebe Grüße
    Peter

    Antworten
    • Anna
      Anna sagte:

      Lieber Peter,
      danke dir für deinen Kommentar und deine Unterstüttzung! Mir geht es auch manchmal so, dass mich die “Happy-Blase-Lehrer” ein wenig nerven. Allerdings war ich, glaub ich, vor ein paar Jahren auch ähnlich. Ich denke, dass die meisten das nicht aus böser Absicht machen, sondern weil es ihnen eben hilft. Und das tut es ja auch – am Anfang. Deswegen denke ich nicht, dass die Happy-Blase etwas Schlechtes ist, sie ist ein guter Einstieg, wenn man vorher ein unbewusstes Leben geführt hat. Aber irgendwann muss es eben weiter – tiefer – gehen. Und wenn man diesen Schritt nicht geht, bescheißt man sich selber.
      Ganz lieben Gruß
      Anna

      Antworten

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