Als ich vor vielen Jahren die Idee für meine Diplomarbeit hatte, biografische Interviews mit Frauen durchzuführen, konnte ich schon spüren, welch enorme Kraft unsere Lebensgeschichte für uns bereithält. Ich war erst Mitte zwanzig, aber schon wusste ich, dass all die Krisen, durch die ich gegangen war, einen tieferen Sinn haben. Ich war diejenige, die ihnen diesen Sinn verlieh. Ich war diejenige, die aus der Asche aufsteigen konnte, wenn mir das Leben scheinbar verbrannt zu Füßen lag. Und ich wusste: Ich war nicht die Einzige. Meine Diplomarbeit bestätigte meine Vermutung, dass wir uns alle danach sehnen, den roten Faden in unserem Leben zu finden und mit ihm eine Zukunft zu spinnen, die sich zutiefst sinnvoll anfühlt. Sie bestätigte mir, dass wir alle damit beginnen können, diesen Sinn für uns zu kreieren. Hier und jetzt.

Wie Krisen uns aufstehen lassen

Ich war 17, als ich das Gefühl hatte, dass ich das Leben nicht eine Sekunde länger aushalten kann. Der Schmerz war so stark, dass ich nicht mehr weiterwusste. Ich war bereits zuvor an diesem Punkt gewesen, aber noch niemals auf diese Weise. Ich war am selben Tag bei meinem Hausarzt gewesen, hatte ihm erzählt, dass es mir psychisch sehr schlecht ging, dass ich nicht mehr weiterwusste. Dass ich mich manchmal selbst verletzte, weil der körperliche Schmerz erträglicher schien als der seelische. Ich hatte all meinen Mut zusammengenommen und es ihm erzählt. Er hatte die ganze Zeit über milde gelächelt und dann leichthin gesagt: “Nun ja, das ist jetzt so ein Teenie-Ding. Das geht vorbei.”

Die Worte hallten noch am Abend in meinem Kopf nach, ich wiederholte sie immer und immer wieder – und der Schmerz darüber wuchs ins Unermessliche. Ich bin es nicht wert, dass man mir hilft. Ich öffnete den Schrank mit den vielen Medikamenten, leerte sie alle auf meinem Bett aus – das hatte ich wohl in einem Film gesehen – und öffnete mal die eine, mal die andere Packung, bis ich ein buntes Sammelsurium an Pillen vor mir liegen hatte. Ich stellte mir ein Glas Wasser bereit. Und schluckte sie alle.

Dann wartete ich. In der stillen Gewissheit, dass all jene Menschen, denen ich eine Bürde war, mich endlich loshaben würden. In einer ruhigen Vorfreude auf das Ende meines Schmerzes. Nur dass es nicht das Ende war. Mein Körper war gänzlich anderer Meinung, die halbe Nacht hing ich über der Kloschüssel, bis ich nicht nur alle Pillen, sondern auch mein gesamtes altes Leben ausgekotzt hatte. Niemand hat darüber jemals etwas erfahren, aber in jener Nacht verstand ich etwas: Wenn ich mich nicht selber rettete, würde es keiner tun. Es war für mich die erste Erkenntnis in die Richtung, dass ich mein Leben tatsächlich selbst gestalten kann, dass ich nicht nur Opfer der Umstände bin. Es war, als sei ich auf den Boden geknallt und hätte mich anschließend von ihm abgestoßen.

Und es war nicht das einzige Mal. Immer und immer wieder schlug ich ganz unten auf, aber jedes Mal wusste ich: Es geht weiter. Ich bin hier, um das alles zu fühlen und um zu leben. Ich bin hier, weil ich das kann. Weil diese Welt mich braucht. Ich stand auf.

Krise oder Alptraum?

Das geschieht nicht mit jeder Krise. Manche drücken uns über Jahre, ja, Jahrzehnte dermaßen nach unten, rauben uns den Atem, sind ein immer und immer wiederkehrendes Trauma, das sich nicht lösen lässt und das wir irgendwann mit unserem Leben als Gesamtes verwechseln. Wir verdrängen, wir vergraben, wir schämen uns, wir schweigen. Weil irgendwann einmal etwas geschehen ist, das so furchtbar war, dass wir es unmöglich anschauen können. Und aus diesen Krisen können wir nicht aufstehen, weil sie niemals abgeschlossen wurden. Nach außen hin mag alles schön und fröhlich wirken, aber im Inneren leben wir in einem Alptraum.

Wir Menschen können echtes und dauerhaftes Glück nur dann erleben, wenn wir tiefen Sinn erfahren. Dann brauchen wir das Glück nicht einmal unbedingt, dann wissen wir an jedem Hindernis, dass es sich schon in unser Leben einfügen wird, selbst, wenn es unangenehm und furchteinflößend ist, hindurchzugehen. Aber wie lässt sich Sinn erfahren, wenn wir in einem Alptraum feststecken, in einer dauerhaften Krise, die nicht endet? 

Gebrochene Biografien zusammenfügen

Bei den Interviews, die ich mit Frauen durchführte, ging es darum, in ihren Biografien Gemeinsamkeiten zu finden, die erklären, wieso sie ein bestimmtes Weiterbildungsangebot angenommen haben. Und es gab tatsächlich eine Sache, die sie alle gemeinsam hatten: gebrochene Biografien. Ich hatte zwölf Lebensläufe vor mir liegen, viele von ihnen “geradlinig” und unspektakulär, doch die Worte, die die Frauen wählten, sprachen von Enttäuschung, von Hindernissen, von Krisen und verlorenen Träumen. Das Leben, das die Frauen sich als Mädchen erträumt hatten, wurde in beinahe allen Fällen sabotiert und nun suchten sie – meist in jenem Alter, wo die Kinder aus dem Haus sind – nach einem Angebot, das ihnen das verloren Geglaubte zurückgab.

Die allermeisten waren sehr gut in der Schule gewesen, doch eine weiterführende Bildung wurde ihnen verwehrt. Oder aber sie setzten sich durch, absolvierten ein Studium mit Bestnoten und erhielten dennoch niemals eine Anstellung. Eine wanderte mit ihrem Mann für viele Jahre in ein Land aus, in dem sie sich alleine fühlte, eine andere wurde schwer krank, weil sie sich ihr gesamtes Leben verausgabt hatte. Doch es gab auch einen weiteren Faktor, der alle Biografien einte: die unglaubliche Weigerung der Frauen, in Krisen festzustecken. Alle haben sie Kinder großgezogen und alle schließlich beschlossen: “Es reicht. Ich bin dran.” Sie fügten ihre gebrochenen Biografien wieder zusammen und knüpften dort an, wo sie vor vielen Jahren aufgehört hatten. Sie gaben ihrem Leben jenen Sinn, nach dem sie sich lange Jahre gesehnt hatten. Sie blühten auf. Sie gingen ihren Weg.

Genau auf diese Art lässt sich nach und nach, Schritt für Schritt, Sinn kreieren, der schließlich auch jene Lebenskrise einbettet, in der man gerade steckt. Denn wenn die Vergangenheit beginnt, Sinn zu machen, muss das auch im Umkehrschluss bedeuten, dass sich auch die Gegenwart, rückblickend betrachtet, letztendlich einfügen wird.

Nichts geschieht umsonst

Aber nicht nur unsere Krisen finden schließlich ihren Platz in unserer Lebensgeschichte. Dinge, die wir (zunächst) nicht abgeschlossen haben, brauchen keine Erinnerung an unsere Unfähigkeit zu sein. Wir können sie in ein Puzzlestück verwandeln, zu dem das passende Teil erst noch gesucht und kreiert werden will. Bei mir war das lange Zeit mein Roman.

Seit 2012 schreibe ich daran, mit Pause und aktuell am 2. Band. Der erste wurde knapp 800 Normseiten dick – also ein regelrechtes Epos und mein Lebenswerk, wenn ich damit fertig bin. Und wenn ein großer Verlag mir das Feedback gibt, mein Exposé und das Probekapitel seien “herausragend” gewesen, sie könnten aber leider mit einem Erstlingsautor aus wirtschaftlicher Sicht nicht riskieren, eine Trilogie zu veröffentlichen, kann ich das schon fast als Kompliment und nicht als Absage auffassen.

Mehrere Jahre hat die Geschichte geruht, ich war so gekränkt davon, dass ich sie nicht verlegen konnte. Bis ich vor etwas über einem Jahr spürte: Die Geschichte muss erzählt werden. All die Jahre fühlte es sich an, als sei ein Teil meiner Seele nicht komplett gewesen. Jetzt schreibe ich wieder und es ist, als hätte ich das fehlende Puzzleteil gefunden. Der Autoren-Teil meiner Persönlichkeit wird gelebt. Und es ist mir völlig egal, ob die Geschichte irgendwann jemand lesen wird.

Das Schreiben lehrt mich so viel. Es lehrt mich, nicht aufzugeben, weiterzumachen, meiner Intuition zu folgen, einfach loszulegen und zu vertrauen, es lehrt mich über Menschen (Mimik, Gestik, Verhalten, Charakter) und über Logik. Es lehrt mich, Sprache bildhaft und kreativ zu benutzen und etwas zu tun, das andere für nicht sinnvoll halten. Es geht um mich. Für mich ist das Romanschreiben zutiefst sinnvoll. Das habe ich beschlossen. Und ich habe tiefes Vertrauen, dass sich in Zukunft der Sinn dieses Schreibens noch mehr entfalten wird, dass es eine Rolle in meinem Leben spielen wird, von der ich vielleicht eine leise Ahnung habe, aber noch überhaupt nicht weiß, wie sie sich entwickeln wird.

Unsere Vergangenheit darf Teil unserer Zukunft sein

Einen ersten Schritt in diese Richtung gehe ich jetzt mit der Idee zu meinem neuen 1:1-Programm “Story of my Life”, in dem ich meine Liebe zu Geschichten mit meiner Liebe für das Coaching verbinde und genau diese besondere Magie andere spüren lassen möchte. Denn ein Roman und unsere Lebensgeschichte haben so viel mehr gemeinsam, als wir es glauben. Wir müssen nicht darauf warten, bis die Sterne günstig stehen – auch wenn es niemals zu spät für diese Arbeit ist. Wir können jetzt beginnen, unserer (scheinbar!) gebrochenen Biografie einen Sinn zu verleihen.

Unsere Vergangenheit darf ein Teil unserer Zukunft sein, aber das bedeutet nicht, dass wir all den Schmerz und die herausfordernden Ereignisse als etwas mitnehmen müssen, das uns fortan schwächt und passiv macht. Wir sind in der Lage, diese Dinge anders zu betrachten und einzuordnen und die Stärke herauszufiltern, die darin steckt.

Unsere Geschichte ist die Schatztruhe in unserem Inneren, die wir viel zu oft übersehen. Es wird Zeit, sie endlich zu öffnen.

Wenn du möchtest, gemeinsam mit mir.

Ab jetzt kannst du dich für “Story of my Life” anmelden – ein Programm, das aus meinem Herzen für dich entstanden ist. Hier erfährst du alles darüber:

 

 

 

Schreibe mir jederzeit eine Nachricht an anna(a)passionflow.de, wenn du Fragen dazu hast oder dir unsicher bist. Ich freue mich schon sehr darauf, dich kennenzulernen!

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4 Kommentare
  1. Oliver Teufel
    Oliver Teufel sagte:

    Liebe Anna,
    wie Du weißt, lese ich immer wieder gerne Deine Artikel. Und gerade das Thema Lebensgeschichte und Zukunft beschäftigt mich auch sehr. Ich glaube in der Tat, dass jeder seine eigene Lebensgeschichte so oder so lesen kann. Vielleicht ist es wirklich so: Nicht die Vergangenheit bestimmt meine Gegenwart, sondern die Gegenwart bestimmt, wie ich die Vergangenheit sehe. Das ist sicher zugespitzt formuliert, aber ich finde, es lohnt sich, über diese Perspektive nachzudenken.
    Mich hat in dieser Frage sehr ein Buch geprägt. Vielleicht kennst du es noch nicht
    Ben Fuhrmann: Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben.
    Liebe Grüße,
    Oliver

    Antworten
    • Anna
      Anna sagte:

      Lieber Oliver,
      so schön, von dir zu lesen! Vielen Dank dir für deinen Kommentar! Danke dir von Herzen für deine Perspektive, mit der du komplett recht hast. Es ist die Gegenwart, die die größte Kraft hat und aus der wir im Rückblick die Vergangenheit anders bewerten können. Beeinflussen tut unsere Geschichte uns natürlich immer – die Frage ist nur WIE. Danke dir auch vielmals für den Buchtipp, das klingt schon vom Titel her nach genau dem Thema, das mich gerade begeistert.
      Ganz liebe Grüße an dich!
      Anna

      Antworten
  2. Hans
    Hans sagte:

    Liebe Anna,

    schön, dass Dein Körper anderer Meinung war. 😉 Das Bild mit dem “alten Leben ausgekotzt” finde ich sehr treffend. Vielen Dank für die offenen Worte. Ich denke, dass Du damit vielen Mut gibst.

    Liebe Grüße,

    Hans.

    Antworten
  3. Jule Martin
    Jule Martin sagte:

    Liebe Anna,

    vielen Dank für Deinen schönen Beitrag! Ich habe in letzter Zeit häufiger Momente, wo plötzlich Dinge aus der Vergangenheit auftauchen. Die meisten kann ich jetzt für mich abschließen. Ich musste aber dafür lernen, die Vergangenheit anzunehmen als Teil meines Lebens. Dazu gehört auch Verbegung, anderen gegenüber und vor allen Dingen sich selbst gegenüber. Das hat mir sehr geholfen, kostet aber viel Kraft.

    Herzliche Grüße
    Jule

    Antworten

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