Brauchen wir noch Disziplin, wenn wir den Flow haben?

Ich musste gerade schmunzeln, als ich die Überschrift formuliert habe. Diese Frage hätte ich noch vor gar nicht langer Zeit mit einem eindeutigen „Nein!“ beantwortet. Aber ich scheue mich nicht davor, meine eigenen Sichtweisen immer wieder infrage zu stellen und zu überdenken. Ich lerne dazu, ich mache Fehler, ich lerne noch mehr dazu. So funktioniert doch das Leben als Mensch, oder? Meins jedenfalls schon. Genau das liebe ich am Leben – dass wir niemals an einem Endpunkt ankommen, sondern stets dazulernen. Und wie du bereits ahnst, fällt meine Antwort darauf, ob wir Disziplin benötigen, wenn wir doch dem Flow folgen können, mittlerweile etwas anders – vielschichtiger – aus. Wenn du dir diese essentielle Frage auch immer wieder stellst, dann nehme ich dich heute mit auf eine kleine Reise in meine Gedankenwelt!

Ein Leben im Flow – mein Experiment

Seit ich diesen Blog gestartet habe (und auch schon eine Weile davor), habe ich mich dem Leben im Flow verschrieben. Ich liebe dieses Gefühl so sehr, es ist wirklich mein „Lieblingsgefühl“, wenn es so etwas gibt. Ich fühle mich liebend gerne „leidenschaftlich“. Ich liebe das Kribbeln in meinem Bauch und die Energie, die Leichtigkeit, die mich beflügelt, wenn ich voll in meinem Element bin, wenn ich etwas tue, das mir nicht nur Spaß macht, sondern mich auch herausfordert, wenn ich eine neue Idee habe und kreativ tätig bin. Jede Faser meines Körpers scheint dann laut „JA!“ zu rufen. „Ja, DAS ist es! Mach weiter damit!“ Hach, ich könnte ewig über dieses fantastische Gefühl, das mich so lebendig sein lässt, schreiben, habe es hier aber wohl zu Genüge getan.

Die letzten Jahre waren quasi mein „Flow-Experiment“. Ich wollte dieses Gefühl so oft wie möglich fühlen und war davon überzeugt, dass wir alles, aber auch wirklich alles, im Flow erreichen können, dass wir nie wieder kämpfen oder ackern müssen, um das zu verwirklichen, was wir uns von Herzen wünschen. Ich war mir sicher, dass alles, was ich als mühevoll und anstrengend empfinde, bedeutete, dass ich nicht mehr auf dem richtigen Weg war. Also gab ich Dinge auf, die mir nicht mehr das Flow-Gefühl bescherten.

Flow bedeutet auch, die Schatten anzusehen

Natürlich war nicht immer alles Friede-Freude-Eierkuchen, ich hatte auch meine Schatten, meine Trigger, meine Muster, durch die ich mich hindurchwühlte. Diesen Schattenaspekt von mir habe ich niemals zugunsten des andauernden Optimismus aufgegeben, ganz im Gegenteil: Ich bin mir sicher, dass ein Integrieren dieser „dunklen Seite“ zu mehr Flow im Leben führt, denn wenn wir diese Aspekte verdrängen, entstehen Blockaden, und letztendlich fließt nichts mehr. Schatten- und Gefühlsarbeit sind anstrengend, aber nötig, um zum Flow zurückzufinden. Diese Anstrengung nahm und nehme ich stets in Kauf.

Was ich jedoch niemals aufbrachte, war Disziplin. Menschen fragten mich, wie ich so diszipliniert sein könne, um mich vegan zu ernähren oder täglich Yoga zu praktizieren. Meine Antwort darauf ist stets dieselbe: „Das ist keine Disziplin. Diese Dinge führen mich zum Flow.“ Vegane Ernährung bedeutet, dass ich weniger Verdrängungsarbeit leisten muss, was tierische Produkte angeht, und im Einklang mit meinen Werten lebe. Mit Yoga löse ich körperliche Blockaden und sorge so dafür, dass die Dinge ins Fließen kommen. Wenn ich jetzt so zurückblicke, bin ich ganz schön erstaunt, was mir alles ganz ohne Disziplin gelungen ist. Das Experiment ist also ziemlich geglückt. Und genau jetzt, wo ich mich so lange dem Flow hingegeben habe, sehe ich, dass er nicht alles ist. Dass wir tatsächlich auch ein wenig Disziplin benötigen, um bestimmte Dinge zu tun.

„Und das von dir, Anna?“

Ja, und das von mir. Ich kann immer noch nicht ganz glauben, dass ich gerade diese Worte hier tippe. So lange war ich ganz fest in diesem Standpunkt, dass der Flow wirklich alles ist, was wir benötigen. Und jetzt sehe ich, dass es nicht so ist. So lange habe ich die Disziplin und das Kämpfen, das Sich-Aufraffen und Sich-in-den-Hintern-Treten verteufelt und verurteilt, nur um jetzt zu erkennen, dass genau das in meiner aktuellen Situation nötig ist. Ich verstehe nun genau, dass ich die „Flow-Phase“ in meinem Leben gebraucht habe wie eine vertrocknete Pflanze das Wasser. Und genau wie ich brauchen sie so viele Menschen da draußen. Vermutlich auch du. Unser „Flow-Tank“ ist gähnend leer und muss unbedingt gefüllt werden. Doch wenn er das schließlich wird, was bei mir nun endlich der Fall ist, sind wir in der Lage, den Aspekt der Disziplin aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten.

Wieso also diese Erkenntnis? Wir leben in einer unglaublich „Disziplin-lastigen“ Gesellschaft, Kämpfen, harte Arbeit und sich durchbeißen werden großgeschrieben. Viel zu groß. Das Yin und das Yang sind nicht in Balance. Wenn man sich die beiden Prinzipien auf einer Wippe vorstellt, so hockt ein fettes Yang auf der einen Seite, während das arme zierliche Yin ganz oben hängt und verzweifelt mit den Beinchen strampelt. Das Yin, das weibliche, sanfte, gebende, sensible und sehr intuitive Flow-Prinzip, wird schwer vernachlässigt. Diese Tatsache hat mich so gestört, dass ich es mir zur Aufgabe gesetzt habe, mich zum Yin auf die Wippe zu setzen, um für ein Gleichgewicht zu sorgen. Viele Jahre lang habe ich genau das getan – mit einem wütenden Seitenblick auf das Yang, das inzwischen immer weiter nach oben wanderte, bis schließlich Yin und ich es oben zappelnd hielten. Ich habe das Gewicht einfach anders verteilt, anstatt eine Balance herzustellen. Und genau das ist der Grund, warum ich das, was ich mir von Herzen wünsche, nicht wirklich erreiche und mir selbst auch immer wieder erzähle, dass ich es auch gar nicht erreichen will. Lügen, Anna, Lügen.

Flow und Disziplin können co-existieren

Nur weil ich dankbar bin und zufrieden mit meinem Leben hier und jetzt, bedeutet das nicht, dass ich nicht nach Zielen jenseits davon streben kann. Es ist nichts falsch daran, sich verändern und transformieren zu wollen – das ist die Natur des ganzen Lebens. Wären wir immer mit dem Status quo zufrieden, säßen wir heute noch in Höhlen. Natürlich stellt sich da einem die Frage, ob das nicht „besser“ für die Menschheit wäre. Doch wenn man sich das Leben auf diesem Planeten ansieht, dann bleibt niemals alles so, wie es ist. Alles strebt nach Entwicklung, wächst, optimiert sich, lernt. Das ist die Essenz allen Lebens und somit auch die Essenz von uns. Und es ist auch das, was wir mit der Leidenschaft ja tun. Doch letztendlich gelangen wir (in diesem Fall ich) an einen Punkt, in denen das stete „Warten auf das Kribbeln“ und auf die guten Gefühle nicht mehr ausreicht. In denen wir etwas wollen, das sich nicht ausschließlich damit erreichen lässt.

Ich habe den Balance-Zustand so sehr zugunsten des Yin verlagert, weil ich das brauchte. In einer Yang-geprägten Kultur sehnte ich mich so sehr nach dem Yin, dass ich es letztlich übertrieben habe und mich nun an einem Punkt befinde, an dem es ohne das Yang einfach nicht mehr weitergeht. Ich brauche Disziplin, einen Tritt in den Hintern, mehr analytische Zielsetzung, mehr männliche Energie. Und das ist okay. Wir können beides in uns zulassen und ehren, beides anerkennen und feiern, das passive Flow-Gefühl, in dem alles so mühelos läuft und das aktive Kampf-Gefühl, das uns durch die Täler bringt und uns an unseren Wünschen und Zielen arbeiten lässt.

Ich habe so oft und so vieles aufgegeben, dass es mir wehtut. Dinge, die mir so am Herzen lagen, von denen ich mir sicher war, dass sie richtig waren, dass sie für mich wie gemacht seien, weil sie mir so viel Flow bescherten. Doch genau dann, wenn es hart wird, springe ich ab, anstatt in den Disziplin-Modus zu schalten und so lange mit ihm weiterzumachen, bis sich das Flow-Gefühl wieder einstellt. Anstatt beides zu nehmen und für mich zu nutzen, habe ich eins dieser beiden Herangehensweisen einfach aus meinem Leben verbannt und für schlecht befunden.

Diese Erkenntnis ist für mich wirklich bahnbrechend. Ich merke, wie sich die Dinge verschieben und Steine ins Rollen kommen, aus denen ich zuvor Mauern gebaut hatte. Uns somit habe ich die Frage in der Überschrift beantwortet: Ja, wir brauchen auch Disziplin. Nicht die ganze Zeit, nein, und häufig versuchen wir Dinge damit zu lösen, die unmöglich mit ihr zu lösen sind. Aber sie gänzlich auszuschließen ist genauso falsch, wie die Dinge nur mit ihr anzugehen. Wir benötigen eine Balance von Yin und Yang, von Flow und Disziplin. Nichts von beidem ist richtiger oder falscher. Es kann nur sein, dass sich die beiden bei dir in einem Ungleichgewicht befinden und du ein wenig mehr darauf achten musst, sie gleich zu behandeln.

Um diese Erkenntnis zu gewinnen, musste ich wohl „zu sehr“ in den Flow eintauchen. Ich erlaube mir nun, mich auch am anderen Ende des Spektrums aufzuhalten, und siehe da: Auch das fühlt sich richtig an, auch das ist gut. Es sorgt dafür, dass ich Dinge durchziehe, nicht aufgebe, und mich schließlich am Ergebnis erfreue. Doch das Ergebnis ist nicht alles was zählt: Auch der Weg und das Tun sind wichtig. Disziplin darf niemals zu einem ständigen Kampf werden, der eine andauernde Schwere mit sich bringt. Auch Disziplin darf freudvoll und mit einer Haltung der Leichtigkeit angegangen werden.

Wo befindest du dich?

Wo auf dem Spektrum ordnest du dich ein? Bist du mehr ein Mensch der Disziplin und könntest mehr Flow in deinem Leben vertragen, wie es bei mir so lange der Fall war, oder hast auch du nun sehr lange mit dem Flow gelebt, sodass du wieder etwas mehr Disziplin in dein Leben lassen darfst? Wie sieht deine persönliche Wippe aus und auf welcher Seite sitzt du? Auf meiner Wippe versuche ich nun in der Mitte zu stehen, während die normalgewichtigen Yin und Yang sich abwechselnd vom Boden abstoßen und mit einem Jauchzen das Leben feiern.

 

Hat dir dieser Beitrag gefallen?

Möchtest du regelmäßig Inspirationen? Dann trage dich kostenlos in meinen Newsletter ein (jederzeit wieder abbestellbar). Ich freue mich schon auf dich!

I agree to have my personal information transfered to MailChimp ( more information )

Deine Daten sind bei mir zu 100% sicher. Du kannst den Newsletter jederzeit abbestellen.

6 Kommentare

  1. Hallo Anna!
    Wow! Tolle Gedankengänge!
    Weißt du, mein Leben ist seit langem nicht mehr im Flow, immer nur Disziplin und ich war überzeugt das sei so „normal“. Krampfhaft suchte ich nach dem Flow und versuchte ihn festzuhalten aber immer wenn ich mal eine kleine Flowblase aufsteigen spürte zerplatzte sie im Zeitdruck. Das ist anstrengend und vor allem extrem deprimierend.
    Dein Bild von Yin und Yang auf der Wippe hat mich so sehr angesprochen und mir ist schlagartig klar geworden wo mein Problem liegt. Ich sitze nicht in der Mitte meiner Wippe sondern auf der Seite mit dem dicken Yang.
    Danke dafür!
    Herzlichste Grüße
    Sabine

    • Hallo liebe Sabine,
      ich freue mich sehr, wenn ich dir mit meinen Worten ein wenig Klarheit bringen konnte. Ich bin sehr gespannt, wohin dich deine Erkenntnis über dein „fettes Yang“ bringen wird!
      Ganz liebe Grüße dir!
      Anna

  2. Anna!

    Wie Du es immer schaffst, genau meine aktuellen Themen anzusprechen. Ja, die Disziplin. Seit ich denken kann, bin ich mit ihr auf Kriegsfuß. Schon in der Schule. Zu Beginn des neuen Schuljahres war ich noch total motiviert, doch bald schon war ich gelangweilt und vernachlässigte alle anstehenden Aufgaben. Der Klassenprimus der ersten Klasse, endete mit einem guten „Quali“ in der Hauptschule. Und ein ganzes Leben lang, glaubte ich wirklich von mir, dass ich gar nicht erfolgreich sein will.

    Wie Du sagst: „Lüge, Lüge, Lüge.“

    Eine tiefe, innige Liebe der besonderen Art, spiegelt mir nun all meine Schattenthemen. Ganz oben: Meine nicht vorhandene Disziplin.

    So schön hab ich mir die Ausrede zurechtgezimmert, dass ich eben sehr viele Interessen hab, und ich es eben meinem inneren Kind erlaube all diesen nach zu gehen.

    Meine Wahrheit ist eine Andere. Ich gehe keiner meinen Interessen wirklich gut nach. Jedenfalls nicht so gut nach, wie ich es könnte. Immer schiele ich nach etwas, das noch besser sein könnte. Und vernachlässige damit den Moment.

    Erst vor einer Woche hab ich nun eine für sehr wichtige Entscheidung getroffen: Ich bin Kettensägenkünstler. Und das mit ganzer Hingabe. Ich werde in diesem Beruf wachsen, meine Grenzen immer neu erweitern. Ich werde in und durch diesem Beruf mich der Welt mitteilen. Meine Werke sind meine Ausdrucksform. Und ich werde eben lernen mich immer besser so auszudrücken. Ja, ich will einer der Besten sein, auf diesem Gebiet. Nicht nur einzigartig. Ich habe ein Talent mitbekommen, und ich habe ein Anliegen, dem ich Ausdruck verleihen will. Und nun nehme ich meinen Platz ein, und fülle ihn aus. Ja!

    Und liebe Anna, Du ahnst es sicher schon, so wie dieser Entschluss für mich fest verankert saß, war das war eine sehr große Erleichterung für mich. Eine Befreiung.

    Paradox. Ich glaubte immer, dass meine Vielseitigkeit, mein Überall sein, mein Mut zum klein bleiben, die Freiheit schlechthin sind. Doch in Wirklichkeit stutzten diese drei meine Flügel. Irgendwie stimmt der Satz „Everybodys Darling is Nobodys Darling“ nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich.

    Und es gelingt mir auch noch besser nun in meinen Flow zu kommen. Aber um dahin zu kommen, brauche ich aber mein ehemaliges Feindbild – die Disziplin. (Ich finde es spannend, dass Du sie auf der männlichen Seit ansiedelst. Ich empfand Frauen immer als wesentlich disziplinierter als Jungs und Männer. Mädchen machen ihre Hausaufgaben, Frauen sind loyale Mitarbeiterinnen, Frauen halten Diäten, Frauen ziehen sich Schuhe an die weh tun und für die es einen Waffenschein braucht … 😉 Aber vermutlich kommt es hier auf die Menschen im Umfeld, das uns geprägt hat an? )

    Und Du hast mit Deiner Wippschaukel so ein perfektes Bild gezeichnet. Ja, die Beiden bringen sich gegenseitig nach oben. Die Disziplin erst bringt mich in den Flow. Und im Flow, da bin ich sowieso in absoluter Konzentration – im Hier und jetzt. Und dies stärkt meine Disziplin. Eigentlich 2 Seiten einer Medaille.

    Und so habe ich nun wirklich einen Wunsch, den ich vor einem halben Jahr noch für blöd geheißen hab: Ich will mich diszipliniert immer wieder neu ans Werk, für diese eine Sache machen. Und ich hoffe dass sich das immer mehr automatisiert, so dass ich ganz automatisch dran bleibe.

    Liebe Anna, ich danke Dir so sehr, dass Du Deine Einsichten und Dein Leben so selbstverständlich mit uns teilst. Bist ein echter Schatz.

    Ich drück Dich,

    Martin

    • Lieber Martin,
      wow, da tut sich ja so viel bei dir! Ich freue mich riesig mit dir und für dich, dass du so einen wundervollen Entschluss gefasst hat und er dich so glücklich macht! Ist es nicht einfach nur magisch, wie sich plötzlich Türen öffnen, wenn wir uns mal entschieden haben? Ich denke trotzdem, dass wir unsere anderen Interessen nicht aufgeben müssen, aber sich für eine Sache mal für eine Weile zu entscheiden und die mal so richtig durchzuziehen, ist einfach nur ein geniales Gefühl!
      Total interessant auch, wie du sagst, dass du Frauen als disziplinierter empfindest. Damit magst du tatsächlich recht haben! Wir alle tragen ja weibliche und männliche Anteile in uns – und dass Frauen dir disziplinierter erscheinen, zeigt ja eigentlich, wie sehr wir Frauen den Flow brauchen, der uns eigentlich leichter fällt und besser entspricht. Das erklärt, warum ich meine jahrelange „Flow-Kur“ so dringend nötig hatte.
      Ich wünsche dir soooo viel Erfolg bei deinem Vorhaben, dass du fast nicht damit zurechtkommst. Aber nur fast! 😉
      Ganz liebe Grüße
      Anna

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.